Kanton Luzern / Bistum Basel
Bischof Felix Gmür sprach am 16. Oktober an der Weltbischofssynode in Rom als Vertreter der Schweizer Bischofskonferenz.
Das Bemühen um die Neuevangelisierung setzt zuerst glaubwürdige "Evangelisatoren" voraus. Wenn die Kirche nicht glaubwürdig ist, sind die Anstrengungen vergeblich. Sie wird nicht gehört, nicht ernst genommen, nicht akzeptiert werden. Deswegen spricht das Instrumentum laboris mit Recht von der Notwendigkeit, sich "durch Umkehr und beständige Erneuerung" (Nr. 37) selbst zu evange-lisieren.
Bischöfe selber zum Umkehr aufgerufen
Der Aufruf zur Umkehr richtet sich also zuerst an uns "Evangelisatoren", an uns Bischöfe. Zugleich ist das Gesicht der Kirche, das die Mehrheit unserer Zeitgenossen sieht, jenes, wie es in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Es ist nicht in erster Linie das persönliche Gesicht, sondern das Gesicht der Institution. Der Aufruf zur Umkehr betrifft also in derselben Weise die Institution. Die Umkehr der Person findet ihre Entsprechung in der Reform der Institution. Umkehr und Reform: beide zielen auf die geistliche Erneuerung, die auf dem Glauben gründet.
Besorgniserregendes Zeichen
Ob wir wollen oder nicht, als Kirche sind wir in die Kultur unserer Zeit eingebettet und nicht in eine Kultur, die wir lieber hätten oder von der wir träumen. Heute müssen wir, zumindest in der Schweiz, feststellen, dass die Kirche zu einem grossen Teil im kulturellen Leben abwesend ist, sei es in den Künsten oder in der Wissenschaft, sei es vor allem in der Gestaltung der unterschiedlichsten Bereiche des täglichen Lebens unserer Zeitgenossen.
Einige haben den Eindruck, dass wir Hirten uns den Herausforderungen der Gegenwart nicht stellen, sondern dass wir es vorziehen, uns für anderes zu interessieren. Diese Feststellung ist ein sehr besorgniserregendes Zeichen und muss uns beschäftigen.
Mehr hören und mit Wohlwollen unterscheiden
Viele Gläubige legen aufrichtig und mit Demut Zeugnis ab von ihrem tiefen Glauben. Sie lassen das menschliche und persönliche Gesicht Jesu sehen und ermöglichen es dem Evangelium, in die unterschiedlichsten Milieus einzudringen.
Wie können wir Bischöfe das evangelisierende Wirken dieser Laien würdigen? Wie können wir ihre Fähigkeiten und Kompetenzen anerkennen? Respektieren wir die Verantwortung und die eigene Würde der christlichen Laien, die durch das Sakrament der Taufe, der Firmung und der Eucharistie in das Geheimnis Christi eingeführt sind?
Nehmen wir ihre Erfahrungen, ihre Fragen und Vorschläge ernst, zum Beispiel im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen? Und wenn ein Christ einen Vorschlag macht oder eine Kritik anbringt, hören wir ihn aufrichtig an?
In diesem Zusammenhang richtet die Mönchsregel des heiligen Benedikt eine weise Ermahnung an den Abt: "Der Abt überlege klug, ob ihn der Herr nicht vielleicht gerade deswegen geschickt hat" (RB 61,4). Es scheint mir, dass wir mehr hören und mit Wohlwollen unterscheiden müssen, was die Christen uns sagen.
Kirchliche Beauftragung für Laien neu überdenken
Eine zweite Herausforderung besteht darin, im Licht der Umkehr, die Jesus for-dert, auch notwendige Reformen zu verstehen. Wir müssen vermeiden, uns um uns selbst und unsere Strukturen zu drehen. Diese Versuchung reicht bis in die Zeit der Jünger zurück. In der Tat fragt Jesus seine Jünger: "Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?" (Mk 9,33).
Nicht wir sind das Zentrum der Evangelisierung. Es ist notwendig, den Gott Jesu Christi ins Zentrum zu stellen. Zugleich müssen die Strukturen dazu beitragen, dass der Gott Jesu Christi im Zentrum ist. Gemeinden, die ohne Priester sind, sammeln sich oft um Laien, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
In unserer schweizerischen Situation wäre es wichtig, neu zu überdenken, ob gebührend ausgebildete und vorbereitete Männer und Frauen nicht eine kirchliche Beauftragung erhalten könnten, die ihnen eine Sendung gibt und Wertschätzung ihres pastoralen Wirkens ist, das sie aufgrund ihrer Würde als Getaufte wahrnehmen.
Besser hören und ein offizieller Auftrag für die evangelisierenden Laien: Das sind zwei konkrete Zeichen, die uns als Kirche glaubwürdiger machen könnten.
Luzerner Pastoralräume werden geschaffen - bis 2014 nur Anstellungen ad interim
Die 101 Pfarreien waren bisher in 85 politischen Kirchgemeinden organisiert. Die Bistumsleitung plante eine Reduktion auf 25 Pastoralräume. Die Gründe für den Pastoralen Entwicklungsplan (PEP) liegen in grösseren Möglichkeiten zu überpfarreilichen Diensten und Angeboten sowie in Sparmassnahmen. Nicht zu leugnen ist auch die Tatsache, dass das Kirchenrecht verlangt, dass einer pastoralen Einheit jeweils ein Priester vorzustehen hat. Folglich müssen diese Räume grösser werden, wenn die Zahl der Priester kleiner wird. Der Pastoralraum Stadt Luzern existiert bereits und beginnt die stärkere Kooperation der Pfarreien.
In den ländlichen Gegenden erfolgte das Zusammenlegen von Pfarreien und Kirchgemeinden nicht gemäss PEP-Entwurf. Vor allem in drei Regionen leistete die Basis dem bischöflichen Plan nicht Folge. Die Pfarrei und Kirchgemeinde Hildisrieden wollte nicht zusammen mit Rain und Rothenburg einen Pastoralraum bilden. Hildisrieden und Rain schliessen sich neu dem Pastoralraum "Oberer Sempachersee" (Eich, Hellbühl, Neuenkirch und Sempach) an. Rothenburg kommt neu zum Pastoralraum Emmen/Emmenbrücke. Auch die geplante Fusion der Kirchgemeinden Horw und Kriens kam nicht zu Stande. Weitere Änderungen ergaben sich im Seeland: Nottwil fühlte sich nicht dem Pastoralraum mit Sempach, Eich, Hellbühl und Neunkirch verbunden und schliesst sich in einem Pastoralraum mit Sursee, Geuensee und Oberkirch zusammen. Auch Knutwil, das mit Büron, Triengen und Winikon hätte fusionieren sollen, schliesst sich dem Pastoralraum Sursee an. Schliesslich wollten auch Dagmersellen und Uffikon-Buchs nicht mit Altishofen, Egolzwil-Wauwil, Nebikon und Schötz-Ohmstal fusionieren, sondern bilden neu einen separaten Pastoralraum.
Und so sehen die künftigen 26 Pastoralräume definitiv wie folgt aus:
1 Bramboden, Doppleschwand, Entlebuch, Finsterwald, Hasle, Romoos
2 Escholzmatt, Marbach, Wiggen
3 Flühli, Schüpfheim, Sörenberg
4 Werthenstein, Wolhusen, Ruswil
5 Ballwil, Eschenbach, Inwil
6 Beromünster (St. Michael und St. Stephan), Neudorf, Rickenbach,
Schwarzenbach
7 Aesch, Hitzkirch, Müswangen, Schongau
8 Hochdorf, Hohenrain, Kleinwangen, Römerswil
9 Adligenswil, Meggen, Udligenswil
10 Buchrain, Ebikon, Perlen, Root
11 Greppen, Vitznau, Weggis, (Rigi-Kaltbad)
12 Horw
13 Kriens (Br. Klaus, St. Franziskus, St. Gallus)
14 Littau, Reussbühl
15 Emmen (St. Mauritius, Br. Klaus), Emmenbrücke, Emmenbrücke
St. Maria, Gerliswil, Rothenburg
16 Malters, Schwarzenberg
17 Luzern (St. Anton, St. Karl, St. Johannes, St. Josef, St. Leodegar,
St. Maria, St. Michael, St. Paul)
18 Buttisholz, Grosswangen, Ettiswil
19 Eich, Hellbühl, Hildisrieden, Neuenkirch, Rain, Sempach
20 Büron, Triengen, Winikon
21 Sursee, Geuensee, Knutwil, Nottwil, Oberkirch
22 Dagmersellen, Uffikon-Buchs
23 Altishofen, Egolzwil-Wauwil, Nebikon, Schötz-Ohmstal
24 Langnau, Pfaffnau, St. Urban, Reiden-Wikon, Richenthal
25 Gettnau, Hergiswil, Willisau, Geiss, Menzberg, Menznau
26 Grossdietwil, Luthern, Ufhusen, Zell
Damit während der Zeit der Errichtung der Pastoralräume keine definitiven Entscheidungen in der Besetzung von Leitungsstellen gefällt werden, die gegebenenfalls eine vernünftige Zukunftsplanung im personellen und organisatorischen Bereich erschweren würden, werden Besetzungen von Leitungsstellen von Pfarreien bis zur jeweiligen Errichtung des Pastoralraumes nur "ad interim" erfolgen. Vakante Pfarrstellen werden interimistisch nur für Pfarradministratoren und/oder GemeindeleiterInnen ausgeschrieben und erhalten nach Errichtung des jeweiligen Pastoralraumes eine definitive Anstellung.
Schweiz
Herbert-Haag-Preis an Verborgene Kirche und Walter Kirchschläger
Die Preise der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche gehen im kommenden Jahr einerseits an die Verborgene Kirche Tschechiens und der Slowakei und andererseits an den Luzerner Bibelwissenschaftler Walter Kirchschläger. Die Verborgene Kirche führte das Leben der Kirche unter der kommunistischen Herrschaft trotz ständiger Bedrohung und heftiger Verfolgung im Untergrund weiter. Entgegen genommen von Untergrundbischof Dušan Špiner aus Olmütz und Weihbischof Václav Malý aus Prag.
Mit der Verleihung des Preises an die Verborgene Kirche wolle die Haag-Stiftung "ein Zeichen der Erinnerung und gegen das Verschweigen" setzen. Die Art, wie die Verborgene Kirche nach 1989 von Rom behandelt worden sei, sei "unwürdig und verletzend gegenüber denen, die damals für den Glauben ihr Leben riskiert haben". Bis heute müssten nämlich etliche Bischöfe und Priester, welche die von Rom geforderte Wiederholung ihrer Weihe verweigert hatten, ihren Lebensunterhalt wie bereits zu kommunistischen Zeiten in säkularen Berufen verdienen. Die Bischöfe, Priester und Laien dieser Kirche hätten jedoch "in einem religionsfeindlichen Umfeld auch Ideen und Entwürfe christlicher Präsenz in der modernen Welt entwickelt, die prophetisch in die Zukunft weisen."
Zu den herausragenden Figuren der Verborgenen Kirche gehörte laut Haag-Stiftung Felix Maria Davidek (1921-1988), der sich nach langjähriger Gefängnisstrafe und trotz Beobachtung durch den Staatssicherheitsdienst 1967 im Geheimen zum Bischof weihen liess. Er weihte im Verborgenen auch verheiratete Männer zu Priestern und Bischöfen und "scheute nicht vor der Ordination von Frauen zurück". Er wurde wegen seines energischen Einsatzes für eine lebendige Kirche im Untergrund schon 1950 verhaftet und zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung 1964 liess er sich trotz ständiger Observierung durch die Staatssicherheit 1967 von Bischof Jan Blaha im Geheimen zum Bischof weihen. Weil er nach der Niederschlagung des Prager Frühlings erst recht befürchtete, dass viele Untergrundpriester wie zu Stalins Zeiten für Jahre in Straflager verbracht würden, weihte er bis zu seinem Tod im Jahr 1988 zahlreiche Priester und Bischöfe. Sie sollten in Zeiten noch grösserer Not den Katholiken seelsorgerlich beistehen, ihren Glauben stärken und ihnen die Sakramente spenden. Er legte auch grossen Wert auf eine biblische und theologische Weiterbildung und organisierte zu diesem Zweck eine Art Universität im Untergrund. Sie befasste sich nicht nur mit den eben veröffentlichten bahnbrechenden Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern strebte mit Hilfe anderer wissenschaftlicher Disziplinen auch eine Auseinandersetzung mit den kulturellen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen der Gegenwart an.
Obwohl Pius XII. schon in den 1950-er Jahren den Auftrag zur Bildung einer Untergrundkirche gegeben hatte, und Felix Maria Davídek im Zuge dieser römischen Strategie zu einem Nachfolger der Apostel geweiht wurde, erfuhr er nicht nur im Staat, sondern auch in der Kirche viel Widerstand. Einerseits war er für jene, die sich lieber duckten oder gar mit dem atheistischen Regime zusammen arbeiteten, zu unbequem. Andererseits begegnete er nicht nur den Vertretern des Regimes, sondern auch seinen Kollegen im Bischofsamt mit undiplomatischer Offenheit und wählte unkonventionelle Mittel der Seelsorge. Er weihte im Verborgenen auch verheiratete Männer zu Priestern und Bischöfen und scheute nicht vor der Ordination von Frauen zurück. Die Samtene Revolution von 1989 erlebte Felix Maria Davídek nicht mehr. Doch jene, die ihm gefolgt waren, wurden nach der überstandenen Verfolgungszeit enttäuscht. Oberster Sachwalter im Vatikan war damals Joseph Kardinal Ratzinger. Gemäss seinen „Normen“ mussten Priester und Bischöfe unter der Bedingung (sub conditione), die frühere Weihe könnte ungültig gewesen sein, nochmals geweiht werden. Verheiratete Bischöfe und Priester sollten zu Diakonen (des westlichen Ritus) degradiert werden oder konnten bestenfalls als Priester der mit Rom unierten Griechisch-Orthodoxen Kirche amten. Die geweihten Frauen – die erste und wichtigste war Ludmila Javorová, die Generalvikarin von Bischof Davídek – kamen für die priesterliche Tätigkeit nicht in Frage. Wer sich diesen Bedingungen nicht unterwarf, dem war der Zugang zur öffentlichen kirchlichen Seelsorge verwehrt. In der Folge verdienen bis heute etliche Bischöfe und Priester, welche die Wiederholung ihrer Weihe verweigerten, ihren Lebens-unterhalt – wie schon zu kommunistischen Zeiten – in säkularen Berufen.
Die Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche setzt mit der Preisverleihung ein Zeichen der Erinnerung und gegen das Verschweigen. Die Behandlung der Verborgenen Kirche ist nicht nur unwürdig und verletzend gegenüber denen, die damals für den Glauben ihr Leben riskiert haben. Die Bischöfe, Priester und Laien dieser Kirche haben in einem religionsfeindlichen Umfeld auch Ideen und Entwürfe christlicher Präsenz in der modernen Welt entwickelt, die prophetisch in die Zukunft weisen.
Der Prager Weihbischof Václav Malý (*1950) wird für seinen Kampf für Freiheit und Menschenrechte im Rahmen der Charta 77 und der Samtenen Revolution von 1989 gewürdigt. Seinen Einsatz ahndeten die Sozialisten mit einem Berufsverbot, das ihn in den Untergrund trieb. Er hat darum ein tiefes Verständnis für die Verborgene Kirche. Václav Malý wurde 1976 zum Priester geweiht und war Kaplan in Vlasim und Pilsen. Im Februar 1977 unterzeichnete er die Charta 77, welche in der kommunistischen Tschechoslowakei Gerechtigkeit und Freiheit einforderte, und setzte sich für Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten ein. 1979 wurde ihm die „staatliche Genehmigung für den priesterlichen Dienst“ aberkannt und er wurde wegen „subversiver Tätigkeit gegen die Republik“ sieben Monate in Haft gehalten, ohne je vor Gericht zu kommen. Die Anschuldigung wurde dennoch bis zur Wende aufrechterhalten. In der Zwischenzeit wurde er 250 Mal verhört und gefoltert und stand unter ständiger Aufsicht der Staatspolizei. Weil ihm 1979 seine geistliche Tätigkeit verboten wurde, arbeitete er von 1980 bis 1986 als Heizer in mehreren Prager Hotels. Im Untergrund jedoch setzte er eine breite Pastoral in den Wohnungen fort. 1981 war er Sprecher der Charta 77, im November des Revolutionsjahres 1989 war er der erste Sprecher des Bürgerforums. Ab 1990 war er wieder offiziell als Seelsorger tätig. 1996 wurde er zum Weihbischof von Prag ernannt und im Januar 97 durch Erzbischof Miloslav Kardinal Vlk von Prag geweiht. – Václav Malý hatte bis 1990 keine direkten Kontakte mit den von Bischof Davídek geweihten Priestern und
Bischöfen und war auch nicht Mitglied der Gemeinschaft Koinótés. Er betrachtet die Gemeinschaft der Verborgenen Kirche als einen der vielen Äste am Baum der Kirche.
Der Olmützer Untergrundbischof Dušan Špiner (*1950) vertritt als einer der jüngsten Bischöfe der Gemeinschaft Koinótés das geistliche Erbe von Felix Maria Davídek. Heute muss er mit Bitterkeit feststellen: „Die Kommunisten haben uns nicht zum Schweigen gebracht, erst der Vatikan.“ Umso mehr freut er sich, dass die Auszeichnung der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche die Totgeschwiegenen wieder Gehör verschafft. Dušan Špiner wurde 1973 zum Priester geweiht und wirkte als Kaplan in verschiedenen Pfarreien der Ostslowakei. 1976 wurde ihm die staatliche Genehmigung für den priesterlichen Dienst entzogen, und er musste einer säkularen Beschäftigung nachgehen. 1979 weihte ihn Felix Maria Davídek zum Bischof der Verborgenen Kirche. Er war bis zu dessen Tod ein enger Mitarbeiter von Felix M. Davídek. Nach der Wende betrieb er anfangs wieder ordentliche Seelsorge. 2001 promovierte er an der Comenius-Universität in Bratislava in Philosophiegeschichte und ist seither Universitätsdozent für Ethik und Religionswissenschaft an der Pädagogischen Fakultät im tschechischen Olmütz.
Priesterbild der katholischen Kirche
Die Auszeichnung für den Bibelwissenschaftler Walter Kirchschläger von der Universität Luzern vertieft nach Angaben der Herbert-Haag-Stiftung den Blick auf die Verborgene Kirche. Kirchschläger setze sich auf der Grundlage des Neuen Testamentes mit dem Bild der Kirche und den Kennzeichen christlicher Kirchenleitung auseinander. Er bereichere in seiner Lehre an der Universität und in zahllosen Vorträgen und Publikationen die aktuelle Auseinandersetzung um das Priesterbild der katholischen Kirche. Diese Fragen haben in den vergangenen Jahrzehnten auch die Auseinandersetzung mit der Verborgenen Kirche geprägt. Der gebürtige Niederösterreicher und Sohn des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten, Walter Kirchschläger, (*1947) wurde – nach langjähriger Tätigkeit in der kirchlichen Erwachsenenbildung in Wien – 1982 Professor für die Auslegung des Neuen Testamentes an der Theologischen Fakultät und im Jahr 2000 Gründungsrektor der Universität Luzern. Er hat zahlreiche Bücher zu biblischen Themen herausgegeben, ist aber auch in der weiteren Öffentlichkeit präsent mit Vorträgen und Artikeln. Die Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche würdigt mit dem Preis die Offenheit und Weite, in der er heisse Eisen der Kirche anpackt und im Blick zurück auf die Bibel kritische Anfragen an die gegenwärtige Praxis kirchlicher Ämter stellt und Perspektiven für die Zukunft der Kirche entfaltet. Seine Feststellung, dass „die neutestamentliche Zeit im Kontext der christlichen Verkündigung keine ‚Priester’ kennt“ und dass „Dienste nicht aufgrund des Kriteriums von Geschlecht und Lebensstand übertragen werden“, hat zur Konsequenz, dass die heutige Doktrin der kirchlichen Ämter nicht nur wegen des akuten Priestermangels, sondern aus „Sorge um theologische Gerechtigkeit“ in Frage zu stellen ist.
International
Papst Benedikt XVI erinnert sich ans Konzil
In der Zeitung "Osservatore Romano" schreibt Papst Benedikt XVI. über seine Erfahrungen am 2. Vatikanischen Konzil, wo er zusammen mit Hans Küng als theologischer Berater wirkte. Josef Ratzinger beriet Kardinal Frings und Küng den Wiener Kardinal König.
„Es war ein glanzvoller Tag, als am 11. Oktober 1962 mit dem feierlichen Einzug von über 2.000 Konzilsvätern in die Basilika Sankt Peter zu Rom das II. Vatikanische Konzil eröffnet wurde. Im Jahre 1931 hatte Pius XI. auf diesen Tag das Fest der Gottesmutterschaft Marias gelegt, zum Gedächtnis daran, dass 1.500 Jahre zuvor, im Jahr 431, das Konzil von Ephesus Maria diesen Titel feierlich zuerkannt hatte, um damit das unlösliche Miteinander von Gott und Mensch in Christus auszudrücken. Papst Johannes XXIII. hatte auf diesen Tag den Konzilsbeginn festgelegt, um die große Kirchenversammlung, die er einberufen hatte, der mütterlichen Güte Marias anzuvertrauen und die Arbeit des Konzils fest im Geheimnis Jesu Christi zu verankern. Es war beeindruckend, die Bischöfe aus aller Welt, aus allen Völkern und Rassen einziehen zu sehen: ein Bild der weltumspannenden Kirche Jesu Christi, in der sich die Völker der Erde in seinem Frieden vereinigt wissen.
Dies war ein Augenblick einer außerordentlichen Erwartung. Großes musste geschehen. Frühere Konzilien waren fast immer einer konkreten Frage wegen zusammengerufen worden, die sie beantworten sollten. Diesmal war kein bestimmtes Problem zu lösen. Aber umso mehr lag eine allgemeine Erwartung in der Luft: Das Christentum, das die westliche Welt gebaut und geformt hatte, schien immer mehr seine prägende Kraft zu verlieren. Es schien müde geworden, und die Zukunft schien von anderen geistigen Mächten bestimmt zu werden. Das Empfinden für diesen Gegenwartsverlust des Christentums und für die Aufgabe, die daraus folgte, war sehr genau zusammengefasst in dem Wort ,aggiornamento‘. Das Christentum muss im Heute stehen, um Zukunft formen zu können. Damit es wieder gestaltende Kraft für das Morgen werden könne, hatte Johannes XXIII. das Konzil einberufen, ohne ihm konkrete Probleme oder Programme vorzugeben. Dies war zugleich die Größe und die Schwierigkeit der Aufgabe, vor der die Kirchenversammlung stand.
„Große Erwartungen, unterschiedliche Vorstellungen“
Die einzelnen Episkopate gingen zweifellos mit unterschiedlichen Vorstellungen auf das große Ereignis zu. Manche kamen wohl mehr in einer Haltung der Erwartung auf das nun zu entwickelnde Programm. Die entschiedensten Vorstellungen hatte der mitteleuropäische Episkopat – Belgien, Frankreich, Deutschland. Ihre Akzentsetzungen waren im Einzelnen durchaus verschieden, aber es gab doch gemeinsame Prioritäten. Ein Grundthema war die Ekklesiologie, die heilsgeschichtlich, trinitarisch und sakramental vertieft werden sollte; dazu kam das Bedürfnis, die Primatslehre des I. Vaticanums durch eine Neugewichtung des Bischofsamtes zu ergänzen. Ein wichtiges Thema war für die mitteleuropäischen Episkopate die liturgische Erneuerung, mit deren Realisierung Pius XII. bereits begonnen hatte. Ein weiterer zentraler Akzent war besonders für den deutschen Episkopat die Ökumene: Das gemeinsame Bestehen der Verfolgung durch den Nazismus hatte protestantische und katholische Christen nahe aneinander geführt; dies musste nun gesamtkirchlich realisiert und weitergeführt werden. Dazu kam der Themenkreis Offenbarung – Schrift – Überlieferung – Lehramt. Bei den Franzosen rückte dann immer mehr das Thema des Verhältnisses zwischen Kirche und moderner Welt in den Vordergrund – die Arbeit am sogenannten Schema XIII, aus dem dann die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute hervorgewachsen ist. Hier war man an dem Punkt der eigentlichen Erwartung an das Konzil angelangt. Die Kirche, die noch im Barock in großem Sinn weltgestaltend gewirkt hatte, war seit dem 19. Jahrhundert zusehends in ein negatives Verhältnis zu der nun erst vollends begonnenen Neuzeit getreten. Musste das so bleiben? Konnte die Kirche den Schritt in die neue Zeit nicht positiv tun? Hinter dem verschwommenen Begriff ,Welt von heute‘ steht die Frage des Verhältnisses zur Neuzeit. Um sie zu klären, wäre nötig gewesen, das Wesentliche und Konstitutive für die Neuzeit genauer zu definieren. Das ist im ,Schema XIII‘ nicht gelungen. Auch wenn die Pastoralkonstitution viel Wichtiges zum Verständnis von ,Welt‘ aussagt und bedeutende Beiträge zur Frage der christlichen Ethik leistet, ist ihr eine wesentliche Klärung in diesem Punkt nicht gelungen.
Die Begegnung mit den großen Themen der Neuzeit fand unerwartet nicht in der großen Pastoralkonstitution statt, sondern in zwei kleineren Dokumenten, deren Wichtigkeit erst nach und nach in der Rezeption des Konzils zum Vorschein gekommen ist. Da ist zunächst die Erklärung über die Religionsfreiheit, die vor allem vom amerikanischen Episkopat mit großer Dringlichkeit gefordert und auch vorbereitet wurde. Die Lehre von der Toleranz, wie sie Pius XII. ausführlich entwickelt hatte, erschien angesichts der Entwicklung des philosophischen Denkens und des Selbstverständnisses des modernen Staates nicht mehr zureichend. Es ging um die Freiheit der Wahl und der Ausübung der Religion wie auch um die Freiheit, sie zu wechseln, als grundlegende Freiheitsrechte des Menschen. Von seinem inneren Grund her konnte eine solche Auffassung dem christlichen Glauben nicht fremd sein, der in die Welt getreten war mit dem Anspruch, dass der Staat über die Wahrheit nicht entscheiden und keine Art von Kult beanspruchen könne. Der christliche Glaube erforderte die Freiheit der religiösen Überzeugung und ihrer Ausübung im Kult, ohne damit das Recht des Staates in seiner eigenen Ordnung zu verletzen: Die Christen beteten für den Kaiser, aber sie beteten ihn nicht an. Insofern kann man sagen, dass das Christentum bei seinem Entstehen das Prinzip der Freiheit der Religion in die Welt getragen hat. Aber die Deutung dieses Freiheitsrechtes im Kontext des modernen Denkens war dennoch schwierig, weil es scheinen konnte, als ob die neuzeitliche Fassung der Religionsfreiheit die Unzugänglichkeit der Wahrheit für den Menschen voraussetze und damit von ihrem Grund her Religion in den Bereich des Subjektiven verlagere. Es war gewiss providentiell, dass 13 Jahre nach Konzilsende Papst Johannes Paul II. aus einem Land kam, in dem die Religionsfreiheit vom Marxismus, das heißt von einer bestimmten Form neuzeitlicher Staatsphilosophie her bestritten wurde. Der Papst kam gleichsam aus einer Situation, die derjenigen der frühen Kirche ähnelte, so dass wieder neu die innere Zuordnung des Glaubens auf das Thema der Freiheit, gerade auch der Freiheit von Glaube und Kult sichtbar wurde.
Lernende in der Schule des Heiligen Geistes
Das zweite Dokument, das sich als wichtig für die Begegnung der Kirche mit der Neuzeit erweisen sollte, ist fast zufällig entstanden und in mehreren Schichten gewachsen. Ich meine die Erklärung „Nostra ætate“ über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Am Anfang stand die Absicht einer Erklärung über das Verhältnis zwischen der Kirche und dem Judentum, ein Text, der nach den Schrecknissen der Shoah von innen her notwendig geworden war. Die Konzilsväter aus den arabischen Ländern setzten sich einem solchen Text nicht entgegen, erklärten aber, wenn man schon über das Judentum spreche, müsse man auch ein Wort zum Islam sagen. Wie recht sie damit hatten, ist uns im Westen erst allmählich aufgegangen. Schließlich wuchs die Einsicht, dass es richtig sei, auch über zwei andere große Religionen – Hinduismus und Buddhismus – sowie über das Thema Religion insgesamt zu sprechen. Dazu kam dann von selbst eine kurze Weisung über den Dialog und die Zusammenarbeit mit den Religionen, deren spirituelle, moralische und sozial-kulturelle Werte zu achten, zu hüten und zu fördern seien (2). Damit war in einem präzisen und außerordentlich dichten Dokument ein Thema eröffnet, dessen Wichtigkeit damals noch nicht abzusehen war. Welchen Auftrag es einschließt, wie viel Mühe der Unterscheidung des Klärens und des Verstehens noch zu leisten ist, wird immer mehr sichtbar. In diesem Prozess aktiver Rezeption ist auch eine Schwäche dieses an sich großartigen Textes allmählich deutlich geworden: Er spricht von Religion nur positiv und lässt dabei die kranken und gestörten Formen von Religion beiseite, die geschichtlich und theologisch von großer Tragweite sind: Der christliche Glaube war deshalb von Anfang an nach innen wie nach außen auch religionskritisch.
Wenn am Anfang des Konzils die mitteleuropäischen Episkopate mit ihren Theologen dominierend gewesen waren, so hat sich im Lauf der Konzilsperioden der Radius der gemeinsamen Arbeit und Verantwortung immer mehr ausgeweitet. Die Bischöfe wussten sich als Lernende in der Schule des Heiligen Geistes und in der Schule der gegenseitigen Zusammenarbeit, aber gerade so als im Glauben lebende und wirkende Diener des Gotteswortes. Die Konzilsväter konnten und wollten nicht eine neue, eine andere Kirche schaffen. Dafür hatten sie weder Vollmacht noch Auftrag. Väter des Konzils mit Stimme und Entscheidungsrecht waren sie nur als Bischöfe, das heißt auf dem Grund des Sakraments und in der Kirche des Sakraments. Sie konnten und wollten deshalb nicht einen anderen Glauben oder eine neue Kirche schaffen, sondern nur beides tiefer verstehen und so wahrhaft „erneuern“. Deshalb ist eine Hermeneutik des Bruchs absurd, gegen den Geist und gegen den Willen der Konzilsväter.
In Kardinal Frings hatte ich einen „Vater“, der diesen Geist des Konzils beispielhaft lebte. Er war von großer Offenheit und Weite, aber er wusste auch, dass nur der Glaube ins Freie, in die Weite hinausführt, die der positivistischen Einstellung verschlossen bleibt. Diesem Glauben wollte er mit der im Sakrament der Bischofsweihe empfangenen Vollmacht dienen. Ich kann ihm immer nur dankbar bleiben, dass er mich – den jüngsten Professor der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn – als seinen Berater zu der großen Kirchenversammlung mitgenommen hat, so dass ich mit in dieser Schule war und den Weg des Konzils von innen her mitgehen durfte. In dem vorliegenden Band sind die verschiedenen Schriften gesammelt, mit denen ich mich in dieser Schule zu Worte gemeldet habe. Es sind durchaus bruchstückhafte Wortmeldungen, in denen auch der Prozess des Lernens sichtbar wird, den Konzil und Konzilsrezeption für mich bedeuteten und bedeuten. Ich hoffe, dass diese vielfältigen Beiträge bei all ihren Grenzen insgesamt doch dazu beitragen können, das Konzil besser zu verstehen und in rechtes kirchliches Leben umzusetzen. Erzbischof Gerhard Ludwig Müller und den Mitarbeitern des Instituts Papst Benedikt XVI. danke ich von ganzem Herzen für die außerordentliche Mühe, die sie für die Entstehung dieses Bandes auf sich genommen haben.
Castel Gandolfo, am Fest des heiligen
Bischofs Eusebius von Vercelli,
Benedikt XVI.
2. August 2012
Rede von Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag
22. September 2011
Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Herr Bundestagspräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Herr Bundesratspräsident!
Meine Damen und Herren Abgeordnete!
Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiß auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.
Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, daß Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muß. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muß Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, der ihm überhaupt die Möglichkeit politischer Gestaltung eröffnet. Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, daß diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, daß Macht von Recht getrennt wurde, daß Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und daß der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.
In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“
Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, daß geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident. Was in bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.
Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts. In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.
Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, daß sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, daß ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft. Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen. Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so daß man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen. Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist. Grundlegend ist zunächst die These, daß zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle. Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur und Vernunft. Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen. Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.
Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden. Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.
Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr mißverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Daß Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. Es ist wohl klar, daß ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. Erlauben Sie mir, bitte, daß ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.
Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. Er hatte gesagt, daß Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu. Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?
An dieser Stelle müßte uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.
Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
von Papst Benedikt XVI. im Augustinus-Kloster Erfurt
23. September 2011
Liebe Brüder und Schwestern! „Nicht nur für diese hier bitte ich, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben“ (Joh 17,20) – so hat Jesus nach dem Johannes-Evangelium im Abendmahlssaal zum Vater gesagt. Er bittet für die künftigen Generationen von Glaubenden. Er blickt über den Abendmahlssaal hinaus in die Zukunft hinein. Er hat gebetet auch für uns. Und er bittet um unsere Einheit. Dieses Gebet Jesu ist nicht einfach Vergangenheit. Immer steht er fürbittend für uns vor dem Vater, und so steht er in dieser Stunde mitten unter uns und will uns in sein Gebet hineinziehen. Im Gebet Jesu ist der innere Ort unserer Einheit. Wir werden dann eins sein, wenn wir uns in dieses Gebet hineinziehen lassen. Sooft wir uns als Christen im Gebet zusammenfinden, sollte uns dieses Ringen Jesu um uns und mit dem Vater für uns ins Herz treffen. Je mehr wir uns in dieses Geschehen hineinziehen lassen, desto mehr verwirklicht sich Einheit.
Ist das Gebet Jesu unerhört geblieben? Die Geschichte der Christenheit ist sozusagen die sichtbare Seite dieses Dramas, in dem Christus mit uns Menschen ringt und leidet. Immer wieder muß er den Widerspruch zur Einheit erdulden, und doch auch immer wieder vollzieht sich Einheit mit ihm und so mit dem dreieinigen Gott. Wir müssen beides sehen: Die Sünde des Menschen, der sich Gott versagt und sich in sein Eigenes zurückzieht, aber auch die Siege Gottes, der die Kirche erhält durch ihre Schwachheit hindurch und immer neu Menschen in sich hineinzieht und so zueinander führt. Deshalb sollten wir bei einer ökumenischen Begegnung nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen, sondern Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt. Und diese Dankbarkeit muß zugleich Bereitschaft sein, die so geschenkte Einheit nicht zu verlieren mitten in einer Zeit der Anfechtung und der Gefahren.
Die grundlegende Einheit besteht darin, daß wir an Gott, den Allmächtigen, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde glauben. Daß wir ihn als den Dreifaltigen bekennen – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die höchste Einheit ist nicht monadische Einsamkeit, sondern Einheit durch Liebe. Wir glauben an Gott – den konkreten Gott. Wir glauben daran, daß Gott zu uns gesprochen hat und einer von uns geworden ist. Diesen lebendigen Gott zu bezeugen ist unsere gemeinsame Aufgabe in der gegenwärtigen Stunde.
Braucht der Mensch Gott, oder geht es auch ohne ihn ganz gut? Wenn in einer ersten Phase der Abwesenheit Gottes sein Licht noch nachleuchtet und die Ordnungen des menschlichen Daseins zusammenhält, scheint es, daß es auch ohne Gott geht. Aber je weiter die Welt sich von Gott entfernt, desto klarer wird, daß der Mensch in der Hybris der Macht, in der Leere des Herzens und im Verlangen nach Erfüllung und Glück immer mehr das Leben verliert. Der Durst nach dem Unendlichen ist im Menschen unausrottbar da. Der Mensch ist auf Gott hin erschaffen und braucht ihn. Unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit muß es sein, gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen und damit der Welt die Antwort zu geben, die sie braucht. Zu diesem Grundzeugnis für Gott gehört dann natürlich ganz zentral das Zeugnis für Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott, der mit uns gelebt hat, für uns gelitten hat und für uns gestorben ist und in der Auferstehung die Tür des Todes aufgerissen hat. Liebe Freunde, stärken wir uns in diesem Glauben! Helfen wir uns, ihn zu leben. Dies ist eine große ökumenische Aufgabe, die uns mitten ins Gebet Jesu hineinführt.
Die Ernsthaftigkeit des Glaubens an Gott zeigt sich im Leben seines Wortes. Sie zeigt sich in unserer Zeit ganz praktisch im Eintreten für das Geschöpf, das er als sein Ebenbild wollte – für den Menschen. Wir leben in einer Zeit, in der die Maßstäbe des Menschseins fraglich geworden sind. Ethik wird durch das Kalkül der Folgen ersetzt. Demgegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod – in den Fragen von PID bis zur Sterbehilfe. „Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen“, hat Romano Guardini einmal gesagt. Ohne Erkenntnis Gottes wird der Mensch manipulierbar. Der Glaube an Gott muß sich in unserem gemeinsamen Eintreten für den Menschen konkretisieren. Zum Eintreten für den Menschen gehören nicht nur diese grundlegenden Maßstäbe der Menschlichkeit, sondern vor allem und ganz praktisch die Liebe, wie sie uns Jesus im Gleichnis vom Weltgericht lehrt (Mt 25): Der richtende Gott wird uns danach beurteilen, wie wir den Nächsten, wie wir den Geringsten seiner Brüder begegnet sind. Die Bereitschaft, in den Nöten dieser Zeit über den eigenen Lebensrahmen hinaus zu helfen, ist eine wesentliche Aufgabe des Christen.
Dies gilt zunächst im persönlichen Lebensbereich jedes einzelnen. Es gilt dann in der Gemeinschaft eines Volkes und Staates, in der alle füreinander einstehen müssen. Es gilt für unseren Kontinent, in dem wir zur europäischen Solidarität gerufen sind. Und es gilt endlich über alle Grenzen hinweg: Die christliche Nächstenliebe verlangt heute auch unseren Einsatz für die Gerechtigkeit in der weiten Welt. Ich weiß, daß von den Deutschen und von Deutschland viel getan wird, damit allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht wird, und möchte dafür ein Wort herzlichen Dankes sagen.
Schließlich möchte ich noch eine tiefere Dimension unserer Verpflichtung zur Liebe ansprechen. Die Ernsthaftigkeit des Glaubens zeigt sich vor allem auch dadurch, daß er Menschen inspiriert, sich ganz für Gott und von Gott her für die anderen zur Verfügung zu stellen. Die großen Hilfen werden nur konkret, wenn es vor Ort diejenigen gibt, die ganz für den anderen da sind und damit die Liebe Gottes glaubhaft werden lassen. Solche Menschen sind ein wichtiges Zeichen für die Wahrheit unseres Glaubens.
Im Vorfeld des Papstbesuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von diesem Besuch erwarte. Die Gaben, die dabei genannt wurden, brauche ich nicht einzeln anzuführen. Dazu möchte ich sagen, daß dies ein politisches Mißverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Wenn ein Staatsoberhaupt ein befreundetes Land besucht, gehen im allgemeinen Kontakte zwischen den Instanzen voraus, die den Abschluß eines oder auch mehrerer Verträge zwischen den beiden Staaten vorbereiten: In der Abwägung von Vor- und Nachteilen entsteht der Kompromiß, der schließlich für beide Seiten vorteilhaft erscheint, so daß dann das Vertragswerk unterschrieben werden kann. Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit. Auf solche Weise ist in den letzten 50 Jahren, besonders auch seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. vor 30 Jahren viel Gemeinsamkeit gewachsen, für die wir nur dankbar sein können. Ich denke gern an die Begegnung mit der von Bischof Lohse geführten Kommission zurück, in der solches gemeinsames Hineindenken und Hineinleben in den Glauben geübt wurde. Allen, die daran mitgewirkt haben, besonders von katholischer Seite Kardinal Lehmann, möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen. Ich versage mir, weitere Namen zu nennen – der Herr kennt sie alle. Miteinander können wir alle nur dem Herrn danken für die Wege der Einheit, die er uns geführt hat, und in demütigem Vertrauen einstimmen in sein Gebet: Laß uns eins werden, wie du mit dem Vater eins bist, damit die Welt glaube, daß er dich gesandt hat (vgl. Joh 17,21).