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Kirchen-News                 Luzern - Schweiz - Welt

 
 


Kanton Luzern / Bistum Basel


   


 

Kardinal Koch verteidigt Theologische Fakultät

Kardinal Kurt Koch hat in einem Interview im Herbst 2010 den Wert der Theologischen Fakultät der Universität Luzern betont. Als ehemaliger Professor für Dogmatik und Liturgiewissenschaft an der Luzerner Fakultät hatte er den Fauxpas des scheidenden Rektors Rudolph Stichweh im Sommer 2010 mitbekommen. Stichweh hatte die Existenz der Theologischen Fakultät aus wirtschaftlichen Gründen in Frage gestellt. Koch meinte dazu: "Das ist ein weiteres Beispiel für einen grundlegenden Trend, den ich als Ökonomisierung der Wissenschaft bezeichne. Dabei wird die gesamte Wissenschaft nur noch unter ökonomischen Nützlichkeitskategorien betrachtet. Damit verliert die Wissenschaft jenen Freiraum, den sie braucht, um ihre Arbeit überhaupt tun zu können. Ich befürchte, dass die Wissenschaft dadurch in einen gefährlichen Pragmatismus abwandert. Die völlige Ökonomisierung der Wissenschaft kann nicht im Interesse einer Gesellschaft sein... Nach den nicht schönen Tönen vom Rektorat in diesem Sommer hoffe ich zunächst, dass die theologische Fakultät bleibt. Die Theologische Fakultät Luzern hat eine doppelte Aufgabe. Sie soll einerseits die Seelsorgenden geistig und wissenschaftlich vorbereiten, damit sie ihren Dienst in der Kirche wahrnehmen können. Die Fakultät hat andererseits die Aufgabe, auch innerhalb der Universität und in der Gesellschaft ihren Beitrag bei der Bearbeitung von grundlegenden Lebensfragen zu leisten. Die Theologie bildet europäisch das Fundament der Universitäten."

 


 

Luzerner Pastoralräume werden geschaffen - bis 2014 nur Anstellungen ad interim

 

Die 101 Pfarreien waren bisher in 85 politischen Kirchgemeinden organisiert. Die Bistumsleitung plante eine Reduktion auf 25 Pastoralräume. Die Gründe für den Pastoralen Entwicklungsplan (PEP) liegen in grösseren Möglichkeiten zu überpfarreilichen Diensten und Angeboten sowie in Sparmassnahmen. Nicht zu leugnen ist auch die Tatsache, dass das Kirchenrecht verlangt, dass einer pastoralen Einheit jeweils ein Priester vorzustehen hat. Folglich müssen diese Räume grösser werden, wenn die Zahl der Priester kleiner wird. Der Pastoralraum Stadt Luzern existiert bereits und beginnt die stärkere Kooperation der Pfarreien.

In den ländlichen Gegenden erfolgte das Zusammenlegen von Pfarreien und Kirchgemeinden nicht gemäss PEP-Entwurf. Vor allem in drei Regionen leistete die Basis dem bischöflichen Plan nicht Folge. Die Pfarrei und Kirchgemeinde Hildisrieden wollte nicht zusammen mit Rain und Rothenburg einen Pastoralraum bilden. Hildisrieden und Rain schliessen sich neu dem Pastoralraum "Oberer Sempachersee" (Eich, Hellbühl, Neuenkirch und Sempach) an. Rothenburg kommt neu zum Pastoralraum Emmen/Emmenbrücke. Auch die geplante Fusion der Kirchgemeinden Horw und Kriens kam nicht zu Stande. Weitere Änderungen ergaben sich im Seeland: Nottwil fühlte sich nicht dem Pastoralraum mit Sempach, Eich, Hellbühl und Neunkirch verbunden und schliesst sich in einem Pastoralraum mit Sursee, Geuensee und Oberkirch zusammen. Auch Knutwil, das mit Büron, Triengen und Winikon hätte fusionieren sollen, schliesst sich dem Pastoralraum Sursee an. Schliesslich wollten auch Dagmersellen und Uffikon-Buchs nicht mit Altishofen, Egolzwil-Wauwil, Nebikon und Schötz-Ohmstal fusionieren, sondern bilden neu einen separaten Pastoralraum.

Und so sehen die künftigen 26 Pastoralräume definitiv wie folgt aus:

1 Bramboden, Doppleschwand, Entlebuch, Finsterwald, Hasle, Romoos

2 Escholzmatt, Marbach, Wiggen

3 Flühli, Schüpfheim, Sörenberg

4 Werthenstein, Wolhusen, Ruswil

5 Ballwil, Eschenbach, Inwil

6 Beromünster (St. Michael und St. Stephan), Neudorf, Rickenbach,

   Schwarzenbach

7 Aesch, Hitzkirch, Müswangen, Schongau

8 Hochdorf, Hohenrain, Kleinwangen, Römerswil

9 Adligenswil, Meggen, Udligenswil

10 Buchrain, Ebikon, Perlen, Root

11 Greppen, Vitznau, Weggis, (Rigi-Kaltbad)

12 Horw

13 Kriens (Br. Klaus, St. Franziskus, St. Gallus)

14 Littau, Reussbühl

15 Emmen (St. Mauritius, Br. Klaus), Emmenbrücke, Emmenbrücke

     St. Maria, Gerliswil, Rothenburg

16 Malters, Schwarzenberg

17 Luzern (St. Anton, St. Karl, St. Johannes, St. Josef, St. Leodegar,

     St. Maria, St. Michael, St. Paul)

18 Buttisholz, Grosswangen, Ettiswil

19 Eich, Hellbühl, Hildisrieden, Neuenkirch, Rain, Sempach

20 Büron, Triengen, Winikon

21 Sursee, Geuensee, Knutwil, Nottwil, Oberkirch

22 Dagmersellen, Uffikon-Buchs

23 Altishofen, Egolzwil-Wauwil, Nebikon, Schötz-Ohmstal

24 Langnau, Pfaffnau, St. Urban, Reiden-Wikon, Richenthal

25 Gettnau, Hergiswil, Willisau, Geiss, Menzberg, Menznau

26 Grossdietwil, Luthern, Ufhusen, Zell

 

Damit während der Zeit der Errichtung der Pastoralräume keine definitiven Entscheidungen in der Besetzung von Leitungsstellen gefällt werden, die gegebenenfalls eine vernünftige Zukunftsplanung im personellen und organisatorischen Bereich erschweren würden, werden Besetzungen von Leitungsstellen von Pfarreien bis zur jeweiligen Errichtung des Pastoralraumes nur "ad interim" erfolgen. Vakante Pfarrstellen werden interimistisch nur für Pfarradministratoren und/oder GemeindeleiterInnen ausgeschrieben und erhalten nach Errichtung des jeweiligen Pastoralraumes eine definitive Anstellung.

 


 

«Wie eine heisse Kartoffel»

Die 20-jährige Sura al-Shawk aus Ebikon darf seit über einem Jahr wegen ihres Kopftuches weder in der regionalen noch nationalen Liga Basketball spielen. Der Anwalt und Nationalrat Daniel Vischer setzte sich für die passionierte Basketballspielerin ein und machte Rekurs. Seither schieben sich der regionale Verband Probasket und der nationale Verband Swissbasket den Fall wie eine heisse Kartoffel gegenseitig zu und verweisen auf die Zuständigkeit des anderen. Vischer klärt nun ab, ob ein Verbandsreglement generell stärker zu gewichten sei als die vom Staat und von den Menschenrechten garantierte Religionsfreiheit.

Vor einem Jahr meinte der Geschäftsführer von ProBasket, Heinz Schüssel, der Verband wolle sich aus Einheitsgründen streng an das Reglement des Internationalen Basketballverbandes halten. Dort lautet die Regel: «Kopfbedeckungen, Haar-Accessoires und Schmuck sind nicht zulässig.» Würde man diese Regeln absolut einhalten, so müsste es auch für Frauen mit langen Haaren verboten sein, diese mit Klammern zu fixieren oder mit einem Gümmeli einen Rossschwanz zu machen.

  

Kommentar der Redaktion:

Vor einem Jahr meinte der Geschäftsführer von ProBasket, Heinz Schüssel, der Verband wolle sich aus Einheitsgründen streng an das Reglement des Internationalen Basketballverbandes halten. Denn wenn er heute eine junge Frau mit Kopftuch spielen lasse, dann komme das nächste Mal eine, die mit Stiefeln oder im Mini-Rock spielen wolle. In den Regeln des Internationalen Basketballverbands lautet die Regel: "The following are not permitted: Headgear, hair accessories and jewellery." (Folgendes ist nicht zulässig: Kopfbedeckungen, Haar-Accessoires und Schmuck). Würde man diese Regeln absolut einhalten, so müsste es auch für Frauen mit langen Haaren verboten sein, diese mit Klammern zu fixieren oder mit einem Gümmeli einen Rossschwanz zu machen.

 

 
 

 


Schweiz


 

Kirchensteuern werden optimal verwendet

Die öffentliche Finanzierung setzt sich zur Hälfte aus Kirchensteuern juristischer Personen zusammen und zur anderen Hälfte aus direkten Staatsbeiträgen und kantonalen Pfarrbesoldungen. Zahlenmässig hat die reformierte Kirche weniger Mitglieder als die katholische, erhält aber insgesamt mehr Geld. In den katholischen Kirchen erhalten die Kantone Neuenburg, Genf und Wallis am wenigsten öffentliche Gelder, am meisten profitieren Zug, Sankt Gallen und Zürich von der öffentlichen Finanzierung. Auch bei den Kirchensteuern der natürlichen Personen sind die kantonalen Unterschiede beträchtlich: Sankt Gallen mit 439 Franken, der Aargau mit 398 Franken und Luzern mit 393 Franken pro Mitglied sind die Hochsteuerkantone. In Genf nimmt die Kirche 37 Franken pro Mitglied ein; im Wallis sind es gar nur 12 Franken. In den Kantonen Bern und Sankt Gallen gingen die Forscher zusätzlich der Frage nach, ob der Wert der sozialen Dienstleistungen annähernd der öffentlichen Finanzierung entspricht. Als Dienstleistungen wurde die Arbeitszeit, die Pfarrpersonen und Mitarbeitende für Kinder- und Jugendarbeit oder sozial Schwache einsetzen, und die Beiträge an gemeinnützige Institutionen definiert. Der Wert der Dienstleistungen beträgt im Kanton Bern knapp 103,1 Millionen Franken. Dem stehen 105,8 Millionen Franken an öffentlicher Finanzierung gegenüber. Damit entspricht der Wert der Dienstleistungen der öffentlichen Finanzierung. Auch im Kanton Basel-Land leisteten die drei Baselbieter Landeskirchen im Jahr 2009 fast 900 000 Arbeitsstunden für die Gesellschaft. In Zahlen ausgedrückt beläuft sich der soziale Beitrag der Kirchen für die Gesellschaft auf jährlich 38 Millionen Franken. 626 000 Arbeitsstunden im Wert von 22 Millionen Franken wurden im Jahr 2009 durch ehrenamtliche Tätigkeiten erbracht. Das mit Abstand grösste Engagement erbringen die Kirchen für Kinder und Jugendliche. Weiter folgen Leistungen für Menschen in Schwierigkeiten und sozial Schwache sowie für ältere Menschen.

 


 

Konflift im Bistum Chur

 

Spezielle Ausbildung und Weihe von Traditionalisten-Priestern?

Im Herbst 2010 wollte Bischof Vitus Huonder Priester speziell für die lateinische Messe nach dem alten Ritus in seinem Priesterseminar in Chur ausbilden lassen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Feier des Gottesdienstes nach der alten, lateinischen Liturgie untersagt. Papst Benedikt XVI. hob dieses Verbot wieder auf. Huonder plante, für die Betreuung dieser Messen im Bistum Chur eigene Priester heranzubilden. Im Priesterrat des Bistums war man gegen die Weihe von Priestern exklusiv für den ausserordentlichen Ritus.

Der Redaktor des Zürcher Pfarreiblatts "forum", Thomas Binotto, warf Huonder in einem ausführlichen Artikel im Dezember 2010 vor, die Mehrheit der Katholiken im Bistum Chur praktisch zu "entheimaten". Laut Binotto habe Bischof Huonder anlässlich einer Priesterweihe in der Kathedrale von Chur gar geklagt, dass sein Bistum vom Glauben abgefallen sei. Binotto kritisierte auch, dass der Bischof dem Regens des Priesterseminars Ernst Fuchs verboten habe, gegenüber Medien Stellung zu nehmen zur Situation im Priesterseminar. Die Synode – das katholische Parlament des Kantons Zürich – hat Anfang Dezember in ihrer Sitzung eine heftige Diskussion um den Beitrag in der Höhe von 850 000 Franken an die Bistumskasse geführt. Die als mangelhaft empfundene Dialogbereitschaft und Bistumsleitung durch den Bischof sowie die anstehende Wahl eines zweiten Weihbischofs hatten zu dieser Debatte geführt. Der Antrag zur Sistierung dieses Bistumsbeitrages wurde mit 56 zu 14 Stimmen abgelehnt. Vor bald 20 Jahren hatte die Zürcher Synode die Beiträge an den damaligen Ortsbischof Wolfgang Haas sistiert.

 

Huonder wollte Martin Grichting als Weihbischof

Der 43-jährige Zürcher Martin Grichting ist seit zwei Jahren Generalvikar im Bistum Chur. Grichting schrieb an der Opus-Dei-Universität von Rom eine Habilitation über das Staatskirchenrecht. Von der helvetischen Struktur mit den Landeskirchen und Kirchgemeinden hält Grichting wenig. Schon vor sieben Jahren gab Grichting seiner Hoffnung Ausdruck, dass die katholische Kirche dereinst das «Joch des Staatskirchentums» abschütteln und sich aus der «babylonischen Gefangenschaft» des demokratischen Gedankenguts befreien könne. Die sieben Kantonalkirchen hatten an Bischof Huonder appelliert, die Anfrage im Vatikan nach einem zweiten Weihbischof rückgängig zu machen. Am 21. Juli 2010 hatten bereits die Dekane der Urschweizer Kantone eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie ihre Sorge um einen zweiten Fall Haas" ausdrücken: "Es ist uns völlig unverständlich, dass ein solcher Schritt wiederum erwogen wird. Martin Grichting gilt als eine Person, die spaltet. Wir benötigen aber dringend Bischöfe, die fähig und willens sind, Brücken zu bauen. Wir sind überzeugt, dass eine solche Ernennung die Diözese Chur in eine neue, tiefe Krise führen würde. Darum appellieren wir an Bischof Vitus Huonder, alle Bemühungen in diesem Sinn einzustellen und diesen verhängnisvollen Schritt zu verhindern."

Der Dekan Zürcher Oberland, Vitus Schmid, forderte Mitte August 2010 Bischof Huonder zum Rücktritt auf. Schmid warf dem Bischof von Chur Naivität und Unfähigkeit vor. Huonder, der Grichtings Haltung gegenüber staatskirchenrechtlichen Gremien wiederholt verteidigte, halte ein «Feigenblatt» vor Grichting - und erst noch ein zu kleines. Huonder solle seine Demission einreichen und fähigeren Kräften den Weg frei machen.

Massive Kritik am Churer Bischof Vitus Huonder erfolgte Ende August 2010 auch vom ehemaligen Rektor der Theologischen Hochschule Chur, Albert Gasser (72). Gasser warf dem Bischof Provokationen, Schikanen und unmögliche Personalentscheidungen vor. Gasser bezeichnete bereits Huonders Wahl zum Bischof von Chur als eine "Wahlfarce". Und in den drei Jahren, seit Huonder als Bischof im Amt sei, habe sich an der Kirchenbasis einiges angestaut, was jetzt platze. Die Resignation im ganzen Bistum sei gross mit Ausnahme der kleinen Anhängerschaft von Huonder. Diese bestehe aus jungen Priestern, die sich vor allem in Graubünden breit machten. Auch die Schweizer Bischofskonferenz hielt nach ihrer Herbstkonferenz im September 2010 erstmals keine Pressekonferenz ab, um Fragen zur möglichen Ernennung von Martin Grichting zum Weihbischof in Chur zu vermeiden. Mit Ausnahme des Churer Bischofs Vitus Huonder waren laut Recherchen des Tages-Anzeiger alle die Schweizer Bischöfe gegen Grichting.

 

Huonder hebelte neues Recht der Zürcher Katholiken aus

Im Jahr 2009 stimmte das Zürcher Stimmvolk für die Volkswahl von Laientheologen. Ein Jahr später hebelte Vitus Huonder diese mit einer spitzfindigen Machtdemonstration aus. Das Kirchenvolk konnte bis zur Abstimmung über das neue Kirchengesetz Priester zu Pfarrern ihrer Gemeinden wählen oder auch abwählen. In den letzten 10-20 Jahren haben aber infolge des Priestermangels immer mehr Nicht-Priester die Leitung von Pfarreien übernommen. Diese fielen nicht unters Pfarrwahlrecht und so konnte der Bischof die GemeindeleiterInnen bis zur Abstimmung alleine bestimmen. Im Herbst 2010 hebelte der Bischof das im Jahr 2009 errungene Recht der Kirchgemeinden, auch Diakone, Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten in die Gemeindeleitung wählen zu dürfen, durch einen Trick aus. Durch den Aufbau der Seelsorge- bzw. Pastoralräume (wie sie momentan auch im Kanton Luzern entstehen) erteilte Huonder (wie im Kirchenrecht vorgesehen) nur noch Priestern Leitungsfunktionen in den neuen Territorien. Den Priestern wollte Huonder für die einzelnen Teilgemeinden PastoralassistentInnen zur Seite stellen, die er alleine bestimmen wollte und die er künftig nicht nur von der Kompetenz, sondern auch von der Bezeichnung her zurückstufte und Pfarreibeauftragte nennen wollte.

 

Churer Bischöfe diskriminierten Homosexuelle

Am 6. Juni 2010 fand am Christopher Street Day (CSD) das «Zürich Pride»-Festival statt. Seit den Anfängen wurde jeweils auch ein ökumenischer Gottesdienst für Schwule und Lesben gefeiert. Die Katholische Landeskirche unterstützte das Festival jeweils finanziell. Und Vikar Martin Stewen von der Zürcher Pfarrei Peter und Paul gestaltete den Gottesdienst jeweils mit. Kurz vor dem Anlass im Juni 2010 gelangte der Zürcher Weihbischof Marian Eleganti an Stewen. Er hätte vom Churer Bischofsrat den Auftrag erhalten, mit ihm zu sprechen. Das Gespräch fand erst nach dem Gottesdienst statt. Und einen Monat später erhielt Stewen einen Brief von Eleganti im Namen des Bischofsrats. Darin hiess es, der Bischof von Chur halte den ökumenischen Gottesdienst «im Kontext eines solchen, doch eher propagandistisch gemeinten Festivals» für unerwünscht. Er sei auch der Ansicht, dass «ein katholischer Priester nicht im Organisationskomitee Mitglied sein sollte». Eleganti verteidigte das Verbot mit dem Argument, dass die Kirche darauf achten müsse, welche Botschaft sie verkünde. Der Tages-Anzeiger reagierte prompt und spielte Elegantis Intoleranz bei Schwulen gegenüber seiner Toleranz in Bezug auf Kinderschändern aus. Redaktor Michael Meier berichtete, dass der Zürcher Weihbischof fast 15 Jahre lang mit einem Priester unter einem Dach lebte, der wegen Unzucht mit minderjährigen Burschen mehrfach im Gefängnis sass.

 

Demissionen, Verdächtigungen und Indiskretionen

Die Februar-Wochen 2011 waren geprägt von Kündigungen, Vorwürfen, Indiskretionen, Communiqués und öffentlichen Gegendarstellungen in der Churer Bistumsleitung. Am 15. Februar reichte Ernst Fuchs, der Leiter des Churer Priesterseminars, seine Demission ein wegen schwerwiegender sachlicher Differenzen mit Bischof Huonder. Denn der Bischof plante junge konservative Theologiestudenten aus Polen ins Seminar zu holen, die ausschliesslich in der alten tridentinischen Liturgie ausgebildet werden sollten. Am 17. Februar teilte Bischof Huonder mit, dass er auf einen zweiten Weihbischof verzichten würde. Neu soll hingegen der bisherige Weihbischof Marian Eleganti von Zürich nach Chur wechseln und dort das Priesterseminar leiten. Der bischöfliche Entscheid war mit der Zürcher Kantonalkirche nicht abgesprochen worden. Im Vorfeld hatte man befürchtet, Huonder würde seinen Generalvikar Martin Grichting zum Weihbischof wählen. Grichting hatte sich in der Vergangenheit ablehnend gegenüber den staatskirchenrechtlichen Strukturen in der Schweiz geäussert hatte. Und keine drei Tage nach Huonders Mitteilung plädierte Grichting am 20. Februar im "SonntagsBlick" dafür, die Kirchensteuer abzuschaffen und durch eine Mandatssteuer aller Erwachsenen zu ersetzen. Helle Empörung liess nicht lange auf sich warten. Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz, bezeichnete Grichtings Vorschlag als "Angriff auf die staatskirchenrechtlichen Strukturen". Zudem missachte Grichtings Vorschlag die Reformierten, die von einer Steuerrechtsänderung mitbetroffen wären. Auch der Generalvikar von Zürich, Josef Annen, distanzierte sich öffentlich entschieden von den Äusserungen Grichtings. Wiederum drei Tage später erfolgte der nächste Eclat: Andreas Rellstab, Generalvikar für Graubünden im Bistum Chur, reichte seine Demission ein. Damit komme er einer Entlassung durch den Bischof zuvor. Der bischöfliche Mediensprecher Giuseppe Gracia dementierte sogleich, dass der Bischof Rellstab hätte entlassen wollen. Ein Brief des Bischofs vom 7. Januar an Rellstab gab Rellstab allerdings Recht. Rellstab beklagte auch das Klima der Ängstlichkeit, des Misstrauens und Denunziantentums im Bistum. Für Rellstab sei es zudem problematisch, wenn der Bischof einen Teil der Priester und Pfarrer und auch die Kirche in Zürich "als nicht mehr katholisch" bezeichne. Giuseppe Gracia, bischöflicher Beauftragter für Medien und Kommunikation, in seinem Communiqué ausdrücklich. Dabei weist er auf einen beigefügten Brief des Bischofs vom 21. Februar an Rellstab hin. Dabei weist er auf einen beigefügten Brief des Bischofs vom 21. Februar an Rellstab hin. Darin schreibt Huonder, dass ihm "bis heute unklar ist, wo ich Deiner Meinung nach als Bischof konkret etwas getan hätte, das gegen die Vorgaben der Universalkirche wäre". Rellstabs Kündigung rief wiederum die Dekane und die beiden anderen Generalvikare Josef Annen (Kantone Zürich und Glarus) und Martin Kopp (Urschweiz) auf den Plan. Die Dekane betonten, dass immer mehr Seelsorgende enttäuscht seien über die Amtsführung von Bischof Huonder und in die innere Emigration gingen. Annen und Kopp betonten, dass mit Ernst Fuchs und Andreas Rellstab zwei der besten Leute des Bistums in kurzer Zeit «verheizt» worden seien. Wie weiter? Die Zürcher Kantonalkirche denkt wie zu Bischof Haas' Zeiten darüber nach, die Zahlungen nach Chur einzufrieren. Die Finanzierung von Hochschule und Priesterseminar wird ebenfalls in Frage gestellt. Und die Dekane wollen beim Nuntius eine Visitation durch den Vatikan beantragen. Der Obere der Schweizer Kapuziner und Präsident des Katholischen Mediendienstes, Willi Anderau, bringt den seit Jahren schwelenden Konflikt im Bistum Chur auf den Punkt. Er spricht von einer Spaltung des Bistums. Man nehme jetzt wahr, dass das Vertrauensverhältnis zwischen weiten Kreisen der Seelsorger und Bischof Huonder massiv gestört sei. Es spiele für Bischof Huonder gar keine Rolle, ob die von ihm ernannten Personen in der Bistumsleitung von den Leuten akzeptiert seien. Auch das Gespräch mit den staatlichen Strukturen in seinem Bistum sei massiv gestört. Anderau rechnet mit weiteren Demissionen. Verschiedene Seelsorger hätten bereits resigniert und innerlich demissioniert. "Am Schluss gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten für das Bistum Chur, um wieder zum Frieden zu kommen: Entweder man wählt neue Gläubige und neue Seelsorger, oder dann wählt man vielleicht eine neue Leitung." Inzwischen wurde in den Medien auch bekannt, dass Huonders Mediensprecher Gracia - der auch als Lyriker publiziert - nicht nur in der Sache, sondern auch sprachlich befremden kann. In einem Gespräch mit der Zürcher Kantonalkirche nannte er deren Präsident Schnüriger letzthin einen "blöden Hund". Kommentare erübrigen sich.

  

Offener Brief der Dekane

Elf Dekane des Bistums Chur nahmen am 25. Februar in einem Brief an Bischof Huonder Stellung zu den personellen Veränderungen im Priesterseminar und Bischofsrat: "Wir Dekane sind in grosser Sorge um die Einheit unseres Bistums. Mit Ernst Fuchs haben wir einen kompetenten und fähigen Regens verloren. Die Demission von Generalvikar Andreas Rellstab – beziehungsweise seine Kündigung – schockiert uns, hat er doch in der schwierigen Situation des Bündnerlandes hervorragende Arbeit geleistet. Immer mehr Seelsorgende sind enttäuscht über die Amtsführung von Bischof Vitus Huonder und gehen in die innere Emigration. Die Arbeit in den Pfarreien wird durch unakzeptable Entscheide sehr erschwert. Wir stellen uns voll und ganz hinter die Aussagen von Josef Annen und Martin Kopp: „Wir müssen feststellen: Mit Ernst Fuchs und Andreas Rellstab wurden zwei unserer besten Leute in kurzer Zeit «verheizt». Tatsache scheint uns, dass eigenständige und bestqualifizierte Priester kein gedeihliches Zusammenwirken mit Bischof Vitus Huonder erreichen. Das weckt grösste Bedenken um die Zukunft unseres Bistums und um seine Führung.“ Als gewählte Vertreter der Seelsorgenden teilen wir die grossen Bedenken um die Zukunft unseres Bistums unter der jetzigen Führung."

Das Dekanat St. Ulrich Winterthur ergänzte diese Stellungnahme am 16. März: "Zudem protestieren wir gegen die Sistierung des Priesterrates durch Bischof Vitus Huonder – was auch für den Rat der Laientheologinnen, Laientheologen und Diakone gilt. Ein Bischof hat in allen wichtigen Angelegenheiten seiner Diözese nach Kirchenrecht den Priesterrat zu konsultieren, nicht nur den Nuntius und römische Instanzen."

 

Klara Obermüller spricht Klartext

Die bekannte Publizistin Klara Obermüller sieht sich durch die momentane Krise im Bistum Chur stark an den Fall Haas erinnert. Sie sieht hinter den zahlreichen innerkirchlichen personellen und strukturellen Spannungen den ewig gleichen Grundkonflikt zwischen zwei fundamental entgegengesetzten Kirchenbildern: einem synodal strukturierten, partnerschaftlichen auf der einen Seite, und einem hierarchisch gegliederten, autoritären auf der andern. Obermüller bezweifelt, dass die offizielle katholische Kirche überhaupt noch zu den notwendigen Reformen fähig sei.

 

Huonder ernennt neues Kader

Ende März 2011 stattete der Churer Bischof Vitus Huonder mehreren kirchlichen Stellen im Vatikan einen Besuch ab, um den Konflikt in seinem Bistum zu besprechen. In einem Brief vom 7. April an seine Mitarbeiter schreibt Huonder, dass er das volle Vertrauen des Papstes geniesse und dass der Papst von ihm Kontinuität in seinem Dienst wünsche. Neu beruft Huonder zwei neue Kaderleute und erteilt Weihbischof Eleganti zusätzliche Aufgaben. Um die Beziehungen zu den staatskirchenrechtlichen Organisationen "zu vereinfachen", hat Huonder den Offizial des Bistums, Joseph Bonnemain, zum "Bischofsvikar für die Beziehungen zu den staatskirchenrechtlichen Organisationen und den Kantonen" ernannt. Der promovierte Kirchenrechtler und Mediziner Bonnemain ist Priester des "Opus Dei", aber zweifellos gemässigter als Huonders rechte hand Martin Grichting. Der neue regionale Generalvikar für Graubünden heisst Andreas Fuchs. Der 40-jährige Zürcher, derzeit Pfarrer in Wetzikon und Gossau ZH, tritt im Sommer die Nachfolge des zurückgetretenen von Andreas Rellstab an. Für Aufsehen sorge Fuchs, als er als Pfarrer von Lenzerheide vor sieben Jahren das Altarbild in der Kirche eigenmächtig übermalte. Später empörte sich ein Teil der Eltern von Firmlingen. Pfarrer Fuchs hatte den Jugendlichen vor der Firmung eine fragwürdige Sündenliste bezüglich sexueller Fantasien zum Ankreuzen abgegeben. Auch seine Äusserung im Religionsunterricht, wonach Kondome nicht vor Aids schützen, sorgte für Schlagzeilen. Im TV-Sender Gloria-TV und in der Zeitschrift "Amici News" der Amici di Dio verbreitet der leidenschaftliche Padre-Pio-Verehrer Fuchs regelmässig seine theologischen Meinungen: "In der heiligen Messe wird das Kreuzesopfer gegenwärtig gesetzt. Bei der Wandlung hören wir, wie Jesus sein Blut für uns vergiesst zur Vergebung der Sünden. Diese Vergebung der Sünden dürfen auch wir ganz konkret und persönlich an unserem eigenen Leib erfahren in der heiligen Beichte. Hier wäscht uns Jesus von unseren Sünden rein. Wir dürfen in der Beichte immer wieder aufs Neue erfahren, wie heilsam, wohltuend und erfrischend es ist, wenn wir durch das Blut Christi reingewaschen werden. Hier drei kleine Vorschläge: Erstens versuche nicht mehr zu sündigen, denn deine Sünden haben Jesus sein Herzblut gekostet. Zweitens beichte regelmässig, denn dort wäscht dich Jesus durch sein Blut rein. Und drittens empfange oft die heilige Kommunion, denn dort empfängst du den heiligen Leib und das kostbare Blut Christi. Weihbischof Marian Eleganti wurde von Huonder neben seinem neuen Amt als Regens des Priesterseminars auch noch zum "Bischofsvikar für die philosophisch-theologische Ausbildung sowie für die Fort- und Weiterbildung der Seelsorger" ernannt. Zudem werde Eleganti als Bischofsvikar für die Klösterlichen Gemeinschaften und die Ordensleute tätig sein.

 


 

"Reformierte Kirche Schweiz" schrumpft, wird älter, ärmer und sucht nach Identität im Glauben

 

Während die Zahl der Protestanten in der Schweiz in den letzten 50 Jahren von fast 60% auf 30% halbiert wurde, blieb der Anteil Katholiken in der Schweizer Bevölkerung mit rund 40% ziemlich stabil. Die Reformierten sollen bis zum Jahr 2050 gar bis auf 20% der Bevölkerung schrumpfen - vor allem zu Gunsten der Freikirchen und Konfessionslosen, die heute schon 10% der Bevölkerung ausmachen. Dass die Katholische Kirche zahlenmässig besser da steht als die Reformierten, hat mit der ethnisch-kulturellen Zusammensetzung zu tun. Die Reformierte Kirche ist eine fast rein helvetische Institution, bereits Lutheraner aus Deutschland fühlen sich der zwinglianischen und calivinistischen Schweizer Kirche nicht automatisch zugehörig, während katholische Einwanderer aus Italien, Spanien, Portugal, Kroatien, Ungarn, der Slowakei oder aus Bayern und Österreich sich in der Katholischen Kirche in der Schweiz zugehörig fühlen. Die Schrumpfung und Alterung der reformierten Landeskirche hat auch harte finanzielle Konsequenzen. Rückläufige Kirchensteuern bedeuten einen Abbau an Pfarrstellen.

 

Sind wir eine Kirche? 

Die Reformierten der Schweiz befinden sich auch mitten in einer gross angelegten Suche nach ihrem theologischen Selbstverständnis und rechtlichen Status. Vor wenigen Jahren löste Papst Benedikt XVI. eine weltweite Empörung aus, als er sagte, dass die evangelischen Kirchen nicht im gleichen Sinn Kirche seien wie die Katholische. Jetzt bestätigen die Reformierten der Schweiz mit der gegenwärtigen Diskussion diese Tatsache aber von sich aus klar. Konkret geht es darum, ob sich die Reformierten in der Schweiz nicht nur auf Gemeinde- und Kantonsebene, sondern auch auf Landesebene als eigentliche Kirche verstehen wollen oder weiterhin als Dachverband von Kantonalkirchen. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) hat eben einen fünfzigseitigen Bericht zur SEK-Verfassungsrevision an die Kantonalkirchen zur Vernehmlassung geschickt. Darin geht es um die Frage, ob eine Evangelische Kirche Schweiz (mit den beiden Freikirchen, die heute SEK-Mitglieder sind) oder eine Reformierte Kirche Schweiz geschaffen werden soll. Die meisten Kantonalkirchen sind misstrauisch und lehnen es ab, wenn der heutige SEK mehr Kompetenzen erhalten will und sich als eigentliche Kirche versteht und verhält. Kirchturmdenken und Kantönligeist kennt man zwar auch in der katholischen Kirche, aber sie versteht sich doch klar als globale Glaubensgemeinschaft mit einer zentralen Leitung auch in Glaubensfragen, während sich die Kirchlichkeit der Reformierten in der um das Wort und Sakrament versammelte Gemeinde auf lokaler Ebene realisiert. Kantonal- und Landeskirche sowie europäische und globale evangelische Institutionen werden bei Protestanten theologisch lediglich als Dachverbände und Interessengemeinschaften, nicht aber als Kirche verstanden. Darum soll es im Unterschied zur katholischen Kirche den kantonalen, nationalen und internationalen evangelischen Institutionen auch nicht zustehen, über das rechte Verständnis des Evangeliums auf der lokalen Ebene zu entscheiden. Jeder Gemeinde ihre eigene Päpstin!

 

Ein gemeinsames Credo?

Da in den reformierten Kirchen offenbar Tendenzen zum Traditionsverlust und zur Beliebigkeit herrschen, tauschen sie nun landesweit über gemeinsame Bekenntnistexte aus.

Dadurch soll die kirchliche Identität bei den Reformierten gestärkt werden. Für die Verwendung in der Liturgie wird ein Credo gesucht beziehungsweise in Form eines leicht modifizierten Gedichts von Kurt Marti aus dem Jahr 1985 vorgeschlagen. Und schliesslich soll für Glaubenskurse ein «diskursfähiger Katechismus» zur Verfügung stehen. Alle 2500 Kirchgemeinden haben Ende 2009 das "Werkbuch Bekenntnis" erhalten, eine Sammlung von christlichen Bekenntnistexten. Dieses Buch soll eine landesweite Diskussion um das Bekennen des Glaubens in den reformierten Kirchen anstossen. Viele reformierte Kirchen in der Schweiz besitzen seit dem 19. Jahrhundert kein eigentliches Glaubensbekenntnis. Es ist ihnen freigestellt, ob bei der Taufe ein Bekenntnis gesprochen wird, und welches dies ist. Die Gemeinden reagieren mit Fragebogen auf den Suchprozess. Diese werden ab Juli 2011 durch das Institut für Theologie und Ethik des SEK ausgewertet. Im Sommer 2012 soll der Abgeordnetenversammlung des SEK ein Bericht mit Optionen zur Weiterarbeit vorgelegt werden. Die Angst eines zu stark dogmatischen Credo im Sinn der katholischen Kirche ist im Werkbuch offensichtlich. Dort finden 21 Bekenntnisse, aber keines aus der katholischen Traditionen der letzten 500 Jahre. Info: www.ref-credo.ch

 

Neuer SEK-Präsident will mehr Profil

«Unleserlich» sei das Profil der Kirche geworden, bedauert Gottfried Locher, neuer Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Die Kirche müsse «klarer kirchlich reden», als dies in den letzten fünfzig Jahren geschehen sei. Die Schärfung des Profils müsse im Gottesdienst erfolgen. Der Gottesdienst dürfe «nicht eines von verschiedenen kirchlichen Produkten sein», sondern sei «der Kraftort des Christentums». In der Verkündigung, im Abendmahl und im gemeinsamen Gebet beginne auch das Engagement des Christen in Politik und Gesellschaft. Locher bemängelt die Qualität vieler Gottesdienste. Oft würden die Predigten unter Zeitdruck und «ohne viel rhetorisches Können» geschrieben: «Eine gute Predigt braucht zehn Stunden Arbeit.» Die Kirche benötige aber auch eine gute Liturgie. Er empfehle, die liturgischen Schätze der alten Kirche wiederzuentdecken und weiterzuentwickeln. Angesichts der Tatsache, dass die Kirchen mit ihren Positionen bei Abstimmungen regelmässig in der Minderheit sind - etwa beim Minarettverbot oder in der Ausländerpolitik -, meint Locher, dass eine Kirche, die sich an Mehrheiten orientiere, ihrem Auftrag vermutlich kaum treu bleiben könne.

 


 

Kirchenschliessungen in Basel

 

Drastische Sparmassnahmen zwingen die Basler Katholiken, neue Einnahmequellen für ihre Kirchen zu finden. Selbst der Abbruch von Kirchen ist möglich. Was es im Ausland mit Fitnessstudios, Restaurants oder Kinos in unbenutzten Kirchen bereits gibt, könnte auch in Basel bald Realität werden. Weil ab 2015 den Basler Katholiken jährlich zwei von vier Millionen Franken für den Unterhalt der Liegenschaften fehlen, sollen Kirchen, Pfarreiheime und Pfarrhäuser umgenutzt, vermietet, verkauft oder abgerissen werden. Vor Jahrzehnten wurden die 12 katholischen Kirchen und 36 Pfarreigebäude für 100 000 Katholiken gebaut. Heute leben in Basel noch 30 000 Katholiken. Der Kirchenrat der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt will künftig nur noch vier der zwölf Kirchen für Gottesdienste nutzen. Die anderen Kirchen sollen anders genutzt werden. Ab 2015 garantiert die Kirchenexekutive nur den vier Zentrumskirchen, ihren Unterhalt mit kantona1kirchlichen Geldern zu finanzieren. Der Umnutzung der Kirchen sind allerdings enge Grenzen gesetzt. Laut Alexander Schlatter von der Basler Denkmalpflege sind acht der zwölf Kirchen Denkmäler. Das bedeutet nicht nur ein Abbruchverbot, sondern auch hohe Auflagen bei einer Umgestaltung. Der Einbau von Wohnungen oder einem Restaurant ist kaum möglich. Selbst die vier Kirchen, die nicht unter Schutz stehen, können nicht abgerissen werden. «Die Denkmalpflege muss auch hier prüfen, ob Schutzmassnahmen nötig sind», sagt Schlatter. Grenzen für die Kirchen-Neunutzung setzt auch die Bischofskonferenz. Katholische Gotteshäuser sollen nicht in Moscheen oder Räume für Freikirchen umgewandelt werden. Da Umnutzungen von Kirchen besonders heikel sind, beschränkt sich der Basler Kirchenrat im Raumkonzept auf die Bekanntgabe des Sparziels und überlässt den Pfarreien die Konsequenzen. Bereits läuft eine Machbarkeitsstudie für den Umbau einer Kirche in ein Museum für religiöse Kunst.

 


 

Neuer Altar für den St. Galler Dom

 

Der provisorische Volksaltar, der kurz nach dem Konzil im Jahre 1967, unter die Kuppel der St. Galler Kathedarale gestellt wurde, soll nach über 40 Jahren durch einen Altar ersetzt werden, der künstlerisch dem barocken Umfeld Stand hält. Für die Gestaltung einer zeitgemässen Altarlandschaft wurden sieben Fachleute, Architekten und Künstler eingeladen. Bis zum Gallusjubiläum 2012 soll der neue Altar stehen. Das Parlament der St. Galler Katholiken hat im Juni einen Projektierungskredit von 200 000 Franken gesprochen. Unter der Leitung des Architekten Marcel Ferrier von der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft (Forum für Kirche und Kunst) wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, zu dem Architekten und Künstler aus ganz unterschiedlichen Richtungen eingeladen werden: u.a. der Lissabonner Architekt Francisco Aires Mateus und die Künstlerin Pipilotti Rist.

In der beurteilenden Jury sitzen sechs Personen aus den kirchlichen Behörden, die unterstützt werden von Jacqueline Burckhardt (Kunsthistorikerin aus Zürich), den Architekten Heinz Tesar (Wien) und Daniele Marques (Luzern) sowie von den Kunsthistorikern Josef Grünenfelder (Cham) und Pierre Hatz (Leiter Denkmalpflege des Kantons St. Gallen). Für den Wettbewerb haben vier Architekten und drei Künstler ihre Beteiligung zugesagt. Ihnen steht es frei, ein Team mit einer Fachperson aus Kunst und Architektur ihrer Wahl zu bilden.

 

Londoner Stararchitekt Peter St. John gewinnt den Wettbewerb

Das überzeugendste Projekt stammt von Peter St. John aus London. Eine originelle Lösung mit einem Blumenteppich und Findlingen reichte Pipilotti Rist ein. Die Altarlanschaft des Londoner Stararchitekten bringt die Altarinsel und die barocke Kuppel in eine optische Beziehung. Ein ovaler goldener Reif schwebt über dem Altar "als ob das Sonnenlicht durch die Decke hereingebrochen wäre", wie Peter St. John sagt. Die ebenfalls oval geformte, mit Treppenstufen abgehobene Altarinsel verbindet den Zentralraum der Kuppel mit den Längsachsen der beiden Kirchenschiffe, die sich nach West und Ost ausdehnen. Entlang den Altarstufen rankt sich ein Motiv von Rebblättern. Ein altes christliches Symbol, das sich vom Jesuswort "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben" herleitet. Im Falle des Doms handelt es sich auch um eine optische Weiterführung der Rebblätter, mit denen das schmiedeiserne Chorgitter geschmückt ist. Als Materialien soll ein heller Beton verwendet werden, wobei der Altar mit einer Marmorplatte, der Ambo mit einem Eibenblock, der Taufstein mit einem Silberblatt bedeckt wird. 

 


 

Herbert-Haag-Preis an Verborgene Kirche und Walter Kirchschläger

 

Die Preise der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche gehen im kommenden Jahr einerseits an die Verborgene Kirche Tschechiens und der Slowakei und andererseits an den Luzerner Bibelwissenschaftler Walter Kirchschläger. Die Verborgene Kirche führte das Leben der Kirche unter der kommunistischen Herrschaft trotz ständiger Bedrohung und heftiger Verfolgung im Untergrund weiter. Entgegen genommen von Untergrundbischof Dušan Špiner aus Olmütz und Weihbischof Václav Malý aus Prag.

Mit der Verleihung des Preises an die Verborgene Kirche wolle die Haag-Stiftung "ein Zeichen der Erinnerung und gegen das Verschweigen" setzen. Die Art, wie die Verborgene Kirche nach 1989 von Rom behandelt worden sei, sei "unwürdig und verletzend gegenüber denen, die damals für den Glauben ihr Leben riskiert haben". Bis heute müssten nämlich etliche Bischöfe und Priester, welche die von Rom geforderte Wiederholung ihrer Weihe verweigert hatten, ihren Lebensunterhalt wie bereits zu kommunistischen Zeiten in säkularen Berufen verdienen. Die Bischöfe, Priester und Laien dieser Kirche hätten jedoch "in einem religionsfeindlichen Umfeld auch Ideen und Entwürfe christlicher Präsenz in der modernen Welt entwickelt, die prophetisch in die Zukunft weisen."

Zu den herausragenden Figuren der Verborgenen Kirche gehörte laut Haag-Stiftung Felix Maria Davidek (1921-1988), der sich nach langjähriger Gefängnisstrafe und trotz Beobachtung durch den Staatssicherheitsdienst 1967 im Geheimen zum Bischof weihen liess. Er weihte im Verborgenen auch verheiratete Männer zu Priestern und Bischöfen und "scheute nicht vor der Ordination von Frauen zurück". Er wurde wegen seines energischen Einsatzes für eine lebendige Kirche im Untergrund schon 1950 verhaftet und zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung 1964 liess er sich trotz ständiger Observierung durch die Staatssicherheit 1967 von Bischof Jan Blaha im Geheimen zum Bischof weihen. Weil er nach der Niederschlagung des Prager Frühlings erst recht befürchtete, dass viele Untergrundpriester wie zu Stalins Zeiten für Jahre in Straflager verbracht würden, weihte er bis zu seinem Tod im Jahr 1988 zahlreiche Priester und Bischöfe. Sie sollten in Zeiten noch grösserer Not den Katholiken seelsorgerlich beistehen, ihren Glauben stärken und ihnen die Sakramente spenden. Er legte auch grossen Wert auf eine biblische und theologische Weiterbildung und organisierte zu diesem Zweck eine Art Universität im Untergrund. Sie befasste sich nicht nur mit den eben veröffentlichten bahnbrechenden Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern strebte mit Hilfe anderer wissenschaftlicher Disziplinen auch eine Auseinandersetzung mit den kulturellen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen der Gegenwart an.

Obwohl Pius XII. schon in den 1950-er Jahren den Auftrag zur Bildung einer Untergrundkirche gegeben hatte, und Felix Maria Davídek im Zuge dieser römischen Strategie zu einem Nachfolger der Apostel geweiht wurde, erfuhr er nicht nur im Staat, sondern auch in der Kirche viel Widerstand. Einerseits war er für jene, die sich lieber duckten oder gar mit dem atheistischen Regime zusammen arbeiteten, zu unbequem. Andererseits begegnete er nicht nur den Vertretern des Regimes, sondern auch seinen Kollegen im Bischofsamt mit undiplomatischer Offenheit und wählte unkonventionelle Mittel der Seelsorge. Er weihte im Verborgenen auch verheiratete Männer zu Priestern und Bischöfen und scheute nicht vor der Ordination von Frauen zurück. Die Samtene Revolution von 1989 erlebte Felix Maria Davídek nicht mehr. Doch jene, die ihm gefolgt waren, wurden nach der überstandenen Verfolgungszeit enttäuscht. Oberster Sachwalter im Vatikan war damals Joseph Kardinal Ratzinger. Gemäss seinen „Normen“ mussten Priester und Bischöfe unter der Bedingung (sub conditione), die frühere Weihe könnte ungültig gewesen sein, nochmals geweiht werden. Verheiratete Bischöfe und Priester sollten zu Diakonen (des westlichen Ritus) degradiert werden oder konnten bestenfalls als Priester der mit Rom unierten Griechisch-Orthodoxen Kirche amten. Die geweihten Frauen – die erste und wichtigste war Ludmila Javorová, die Generalvikarin von Bischof Davídek – kamen für die priesterliche Tätigkeit nicht in Frage. Wer sich diesen Bedingungen nicht unterwarf, dem war der Zugang zur öffentlichen kirchlichen Seelsorge verwehrt. In der Folge verdienen bis heute etliche Bischöfe und Priester, welche die Wiederholung ihrer Weihe verweigerten, ihren Lebens-unterhalt – wie schon zu kommunistischen Zeiten – in säkularen Berufen.

Die Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche setzt mit der Preisverleihung ein Zeichen der Erinnerung und gegen das Verschweigen. Die Behandlung der Verborgenen Kirche ist nicht nur unwürdig und verletzend gegenüber denen, die damals für den Glauben ihr Leben riskiert haben. Die Bischöfe, Priester und Laien dieser Kirche haben in einem religionsfeindlichen Umfeld auch Ideen und Entwürfe christlicher Präsenz in der modernen Welt entwickelt, die prophetisch in die Zukunft weisen.

Der Prager Weihbischof Václav Malý (*1950) wird für seinen Kampf für Freiheit und Menschenrechte im Rahmen der Charta 77 und der Samtenen Revolution von 1989 gewürdigt. Seinen Einsatz ahndeten die Sozialisten mit einem Berufsverbot, das ihn in den Untergrund trieb. Er hat darum ein tiefes Verständnis für die Verborgene Kirche. Václav Malý wurde 1976 zum Priester geweiht und war Kaplan in Vlasim und Pilsen. Im Februar 1977 unterzeichnete er die Charta 77, welche in der kommunistischen Tschechoslowakei Gerechtigkeit und Freiheit einforderte, und setzte sich für Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten ein. 1979 wurde ihm die „staatliche Genehmigung für den priesterlichen Dienst“ aberkannt und er wurde wegen „subversiver Tätigkeit gegen die Republik“ sieben Monate in Haft gehalten, ohne je vor Gericht zu kommen. Die Anschuldigung wurde dennoch bis zur Wende aufrechterhalten. In der Zwischenzeit wurde er 250 Mal verhört und gefoltert und stand unter ständiger Aufsicht der Staatspolizei. Weil ihm 1979 seine geistliche Tätigkeit verboten wurde, arbeitete er von 1980 bis 1986 als Heizer in mehreren Prager Hotels. Im Untergrund jedoch setzte er eine breite Pastoral in den Wohnungen fort. 1981 war er Sprecher der Charta 77, im November des Revolutionsjahres 1989 war er der erste Sprecher des Bürgerforums. Ab 1990 war er wieder offiziell als Seelsorger tätig. 1996 wurde er zum Weihbischof von Prag ernannt und im Januar 97 durch Erzbischof Miloslav Kardinal Vlk von Prag geweiht. – Václav Malý hatte bis 1990 keine direkten Kontakte mit den von Bischof Davídek geweihten Priestern und

Bischöfen und war auch nicht Mitglied der Gemeinschaft Koinótés. Er betrachtet die Gemeinschaft der Verborgenen Kirche als einen der vielen Äste am Baum der Kirche.

Der Olmützer Untergrundbischof Dušan Špiner (*1950) vertritt als einer der jüngsten Bischöfe der Gemeinschaft Koinótés das geistliche Erbe von Felix Maria Davídek. Heute muss er mit Bitterkeit feststellen: „Die Kommunisten haben uns nicht zum Schweigen gebracht, erst der Vatikan.“ Umso mehr freut er sich, dass die Auszeichnung der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche die Totgeschwiegenen wieder Gehör verschafft. Dušan Špiner wurde 1973 zum Priester geweiht und wirkte als Kaplan in verschiedenen Pfarreien der Ostslowakei. 1976 wurde ihm die staatliche Genehmigung für den priesterlichen Dienst entzogen, und er musste einer säkularen Beschäftigung nachgehen. 1979 weihte ihn Felix Maria Davídek zum Bischof der Verborgenen Kirche. Er war bis zu dessen Tod ein enger Mitarbeiter von Felix M. Davídek. Nach der Wende betrieb er anfangs wieder ordentliche Seelsorge. 2001 promovierte er an der Comenius-Universität in Bratislava in Philosophiegeschichte und ist seither Universitätsdozent für Ethik und Religionswissenschaft an der Pädagogischen Fakultät im tschechischen Olmütz.

Priesterbild der katholischen Kirche

Die Auszeichnung für den Bibelwissenschaftler Walter Kirchschläger von der Universität Luzern vertieft nach Angaben der Herbert-Haag-Stiftung den Blick auf die Verborgene Kirche. Kirchschläger setze sich auf der Grundlage des Neuen Testamentes mit dem Bild der Kirche und den Kennzeichen christlicher Kirchenleitung auseinander. Er bereichere in seiner Lehre an der Universität und in zahllosen Vorträgen und Publikationen die aktuelle Auseinandersetzung um das Priesterbild der katholischen Kirche. Diese Fragen haben in den vergangenen Jahrzehnten auch die Auseinandersetzung mit der Verborgenen Kirche geprägt. Der gebürtige Niederösterreicher und Sohn des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten, Walter Kirchschläger, (*1947) wurde – nach langjähriger Tätigkeit in der kirchlichen Erwachsenenbildung in Wien – 1982 Professor für die Auslegung des Neuen Testamentes an der Theologischen Fakultät und im Jahr 2000 Gründungsrektor der Universität Luzern. Er hat zahlreiche Bücher zu biblischen Themen herausgegeben, ist aber auch in der weiteren Öffentlichkeit präsent mit Vorträgen und Artikeln. Die Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche würdigt mit dem Preis die Offenheit und Weite, in der er heisse Eisen der Kirche anpackt und im Blick zurück auf die Bibel kritische Anfragen an die gegenwärtige Praxis kirchlicher Ämter stellt und Perspektiven für die Zukunft der Kirche entfaltet. Seine Feststellung, dass „die neutestamentliche Zeit im Kontext der christlichen Verkündigung keine ‚Priester’ kennt“ und dass „Dienste nicht aufgrund des Kriteriums von Geschlecht und Lebensstand übertragen werden“, hat zur Konsequenz, dass die heutige Doktrin der kirchlichen Ämter nicht nur wegen des akuten Priestermangels, sondern aus „Sorge um theologische Gerechtigkeit“ in Frage zu stellen ist.

 


 

Kapuziner suchen Nachwuchs per Inserat

 

Cappuccino-Tassen und braune Kapuzen-Pullover mit dem Kapuziner-Logo werben seit kurzem für die "Marke Kapuziner". Diese Produkte sind nur ein Teil der neuen Werbekampagne der Schweizer Kapuziner, die dem Orden zu neuen Mitgliedern verhelfen soll. Im Zentrum steht das Stelleninserat, mit dem normalerweise Firmen Mitarbeiter suchen. Ab Mitte November versuchen auch die Schweizer Kapuziner, per Inserat im ganz gewöhnlichen Stellenanzeiger neues "Personal" zu rekrutieren.

Bislang war es für Klöster üblich, in religiösen Zeitschriften zu inserieren, sagte Willi Anderau, Medienbeauftragter der Kapuziner, anlässlich der Pressekonferenz vom Donnerstag, 4. November, im Kapuzinerkloster Rapperswil. Der Orden wagt nun eine "ungewöhnliche" Werbeaktion, indem er ein normales Stelleninserat in den Stellenanzeigern der ganzen Deutschschweiz schalten wird.

Gefragt sind Angehörige aller Berufe. "Wir suchen nach Vereinbarung einen oder mehrere Mechaniker, Schreiner, Gärtner, Krankenpfleger, Katecheten, Banker, Kaufleute, Juristen, Theologen, Kommunikationsspezialisten als Kapuzinerbruder", heisst es im Inserat. Ähnlich beginnen in der Regel alle Stelleninserate.

"Symbiose" von Beruf und Lebensform

"Speziell sind jedoch die Anstellungsbedingungen. Statt zeitgemässer Entlöhnung bieten wir eine Gemeinschaft, die trägt, und dadurch auch soziale Sicherheit", so Anderau. Das Inserat listet weiter Spiritualität und Gebet, eine egalitäre Lebensform und Freiheit von persönlichem materiellem Reichtum auf.

Die Idee sei, eine "Symbiose" von Beruf und Lebensform anzubieten. Dadurch bekomme das Leben eine Einheit, die ausserhalb des Klosters nicht möglich ist. Ungewöhnlich ist auch, dass eine "Lebensstellung" zu 100 Prozent angeboten wird. "Im Kloster hört das Arbeitsleben nicht mit 65 auf", sagte der Medienbeauftragte.

Anderau ist überzeugt, dass das Angebot der Kapuziner einem gesellschaftlichen Bedürfnis entspricht. Zwar distanzierten sich die Menschen von der Institution Kirche. Gleichzeitig gebe es aber eine Suche nach Lebenssinn. "Viele Leute haben das Bedürfnis, aus ihrem Leben etwas Sinnvolles zu machen und der Oberflächlichkeit des Lebens zu entrinnen." Bei den Kapuzinern fänden sie ein Angebot neben anderen.

Nachwuchsmangel

Anderau hat zudem bei Schliessungen von Kapuziner-Niederlassungen in jüngster Zeit mehrfach erlebt, dass die Menschen vor Ort dies nicht einfach hinnehmen wollten. Mit Bittbriefen wurde der Orden aufgefordert, auf die Schliessung zu verzichten. Solche Reaktionen sind mit ein Grund dafür, warum der Orden auf eine neue Werbekampagne setzt: "Wir haben gemerkt. Wir leben nicht einfach für uns." Ein anderer Grund ist natürlich der Mangel an Nachwuchs, von dem die Kapuziner wie viele andere Orden in Zentraleuropa betroffen sind.

Ziel ist der Eintritt

Im Inserat ist auch das Profil des potentiellen Kandidaten umschrieben. Ledig soll er sein, idealerweise zwischen 22 und 35 Jahre alt – "je älter jemand ist, umso eingeschliffener ist seine Lebensform", sagte Anderau zum Idealalter. Er soll zudem römisch-katholisch getauft sein; die Kapuziner wollen weiterhin eine katholische Gemeinschaft bleiben, betonte der Medienbeauftragte.

Die Kapuziner erproben derzeit das Modell "Bruder auf Zeit". Jüngere Männer (bis maximal 45 Jahre) haben die Möglichkeit, während drei Jahren den Alltag der Kapuziner zu teilen. Nach Ablauf dieser Zeit kann sich der Interessierte für drei weitere Jahre verpflichten. Anschliessend erwartet der Orden einen definitiven Entscheid. Das Ziel besteht für die Kapuziner darin, dass sich Männer innert nützlicher Frist für diese Lebensform entscheiden – und nicht erst mit 70.

Vom Kapuzen-Pullover zur Kutte?

Mit dem Verkauf verschiedener Produkte, die alle das Kapuziner-Logo tragen, will der Orden zeigen: Uns gibt es noch. Kapuzinerbrüder sind heute nur noch selten auf der Strasse anzutreffen. "Das Bild des Kapuziners wirkt heute exotisch", sagte Anderau.

Mit dem braunen Kapuzen-Pullover, der ans traditionelle Ordenskleid erinnert, und dem ebenfalls braunen Polo-Shirt versuchen die Kapuziner jetzt, Jugendliche für die Marke "Kapuziner" zu interessieren. Wer weiss: Vielleicht ist der Schritt vom Kapuzen-Pullover zur Kapuzinerkutte dann nicht mehr so weit.

(KIPA, 5.11.10)

Nicht alle sind begeistert von der Inseraten-Kampagne, wie der folgende Leserbrief zeigt:

"Als streng katholisch Erzogener, der mit 20 Jahren ins Kloster eintreten wollte, sich aber angesichts widerlicher Ereignisse in und um die katholische Kirche von dieser abwandte und nach langer Suche mit 50 Jahren bewusst zur orthodoxen christlichen Kirche zurück(!)kehrte, fühle ich mich vom Gebaren der Kapuzinergemeinschaft regelrecht angeekelt. Ein Mönch ohne Berufung ist wie ein Mensch ohne Seele! Und einer Kommunikationsagentur, die sich bar jeglicher religiöser Sensibilität für diese Aktion hergab, sollte man überhaupt keine Aufträge mehr zuhalten. Mit dem Entscheid für oder gegen das Mönchtum darf man nicht spielen oder gar kokettieren. Mönchtum ist Abkehr vom Leben, Weltentsagung, und dazu ist Ski fahren oder ein Apple-Computer völlig unnötig. Warum haben die (katholischen) Klöster, die keinen Zuwachs mehr haben, nicht den Mut, sich einzugestehen, dass sie an Attraktivität verloren haben und ein Auslaufmodell sind?" Maurizio D´Agostinis kommentiert in einem Leserbrief im Tages-Anzeiger (11. November) die neue Strategie, mit der die Schweizer Kapuziner seit kurzem versuchen, Nachwuchs zu finden. Im Zentrum derselben steht die Platzierung von Inseraten in Stellenanzeigern, gab der Orden vergangene Woche bekannt. (KIPA, 11.10.)

 


 

 
 


International


 

Sexueller Missbrauch

 

 

Vatikan verschärft Missbrauchs-Regeln

Der Vatikan wird das innerkirchliche Verfahren bei Missbrauchsfällen sowie bei Delikten gegen den Glauben, die Eucharistie und die Beichte verschärfen und beschleunigen. Die kirchenrechtliche Verjährungsfrist für Pädophilie, die bis heute 10 Jahre währt, soll verlängert werden. Vergehen an Menschen mit einer geistigen Behinderungen wurden den Verbrechen an Minderjährigen gleichgestellt. Vorgesehen ist offenbar eine Mitteilungspflicht für Sexualdelikte an weltliche Behörden. Ausserdem solle innerhalb der kirchlichen Strafverfolgung die Verjährungsfrist ausgeweitet oder eine Verjährung ganz abgeschafft werden. Auch soll künftig der Besitz von kinderpornographischem Material für Kleriker kirchenrechtlich eine Straftat darstellen.

 

Deutsche und Österreicher streiten über die Höhe von "Ent-schädigungen"

Die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft in Österreich hat Ende September erste Entschädigungen beschlossen. Für „leichte Fälle des Missbrauchs ohne überschiessende Gewaltanwendung“ sieht das von der Kommission eingerichtete Modell für Entschädigungszahlungen 5000 Euro vor. Für „mehrfache Übergriffe über einen längeren Zeitraum oder geringe Zahl an schwerwiegenden Übergriffen unter Gewalteinwirkung“ wie etwa Vergewaltigung werden 15 000 Euro veranschlagt. Den Betrag von 25 000 Euro sieht die Kommission für Fälle „von über mehrere Jahre hinweg fortgesetzten Missbrauch mit Verletzungsfolgen und/oder fortdauernden seelischen Schmerzen“ vor. In „besonders extremen Einzelfällen“ seien auch darüber hinaus gehende Entschädigungen möglich. In Deutschland haben die Jesuiten vorgeschlagen, die Missbrauchsopfer in ihren Schulen pauschal mit einem „eher vierstelligen Betrag“ zu entschädigen. Die Opferinitiative „Eckiger Tisch“ fordert dagegen für jedes Opfer 82 373 Euro. Die genannte Summe ist nach Darstellung der Initiative ein Durchschnitt der in den vergangenen Jahren durch Gerichte festgesetzten „Schmerzensgelder für Schäden der Seele“. Ende September haben die deutschen Bischöfe ein Konzept zur Entschädigung der Opfer von sexuellem Missbrauch vorgelegt. Der Entwurf sieht vier Säulen möglicher Leistungen vor. Eine Säule besteht aus der einmaligen Zahlung eines Geldbetrags, der als „finanzielle Anerkennung“ des zugefügten Leids gelten soll. Als weitere Leistung soll es Opfern ermöglicht werden, therapeutische Hilfe oder therapeutische Paarberatung in Anspruch zu nehmen. Zum dritten soll es Regelungen für individuelle Härtefälle geben. Schliesslich wollen die Bischöfe sich für einen „Präventions-Fonds“ stark machen, der beispielhafte Projekte zur Vorbeugung von sexuellem Missbrauch fördert. Konkrete Summen für Entschädigungen nennt der Entwurf aber nicht.

 

 


 

Christen in Irak verfolgt - wegen Christen

 

Christen werden im Irak zunehmend verfolgt. Der Grund ist aber nicht der Fundamentalismus der muslimischen Mehrheit im Lande, sondern die evangelikalen, missionarisch auftretenden christlichen Gruppen aus den USA, die im Irak zunehmend an Einfluss gewinnen. Sie treten mit den traditionellen Kirchen in Konkurrenz und werden von den Einheimischen als politischer Teil der Besetzer des Iraks verstanden. Die Missionare aus dem Feindesland stören das Zusammenleben in einer höchst labilen Umgebung und bilden den Grund für die politische Verfolgung aller Christen in der ganzen Region.

Christen im Irak trifft nach Ansicht des katholischen Islam-Experten Peter Hünseler kein Hass der Bevölkerung. Für die blutige Geiselnahme in einer katholischen Kirche in Bagdad sei allein die Terrorgruppe El-Kaida verantwortlich. Für El-Kaida stehe das Christentum als Synonym für den Westen und die USA und repräsentiere damit deren Feindbild. Deshalb seien immer wieder christliche Kirchen und Bischöfe Ziele von Terrorakten. Die Christen haben eine 2000-jährige Geschichte im Irak. Sie sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft und Kultur des Landes. Bis zu Beginn des Irak-Krieges 2003 haben die Christen 8 % der Bevölkerung ausgemacht, sind in der Regel gut gebildet und hatten in der Mittelklasse als Anwälte, Lehrer oder Universitätsprofessoren oft wichtige Funktionen inne. Jetzt aber leben die Christen in grosser Angst und wissen vor Not und Elend nicht mehr weiter. Die Bischöfe wundern sich, wie viele Christen dort doch noch ausharren und ihren Aufrufen folgen: "Bleibt im Irak, der Irak braucht euch unbedingt!“

Die römische Gemelli-Klinik hat 26 Iraker zur Behandlung aufgenommen, die bei dem blutigen Anschlag auf die Kirche in Bagdad verletzt wurden. Wie der Vatikan mitteilte, werde Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone die irakischen Kinder, Männer und Frauen in der Klinik empfangen, in der auch der Papst manchmal Patient ist. Die Überstellung der Patienten von Bagdad nach Rom hatte das italienische Aussenministerium organisiert. Hingegen kümmert sich die katholische Universität, zu der die Klinik gehört, um die Unterbringung der Familienangehörigen der Patienten.

 

Irakische Christen fordern eigene Provinz

Zehntausende Christen haben seit 2003 aus Angst vor Anschlägen und aus Mangel an Perspektiven ihre irakische Heimat verlassen. Die allgemeine Unsicherheit verschafft aber auch manchen Gruppen politischen Aufwind. Dazu zählen die assyrischen Christen im Irak, die seit Jahren mit viel Energie und Polemik für eine autonome christliche Provinz werben. Die christlichen Assyrer sind politisch gut organisiert und verfügen selbst über eine Miliz - eine Ausnahme unter den Christen im Irak. Eine christliche Provinz oder Schutzzone vertiefe die innergesellschaftliche Spaltung im Irak, meint hingegen Pater Saad Sirop Hanna von der Josefskirche in Bagdad. Der Irak brauche eine "starke Regierung, die dafür sorgt, dass allen Leuten Recht widerfährt, egal ob Christ, Jude oder Muslim". Der chaldäisch-katholische Erzbischof Louis Sako aus Kirkuk betont, die Christen sollten lieber "eine klare Vision für die Zukunft entwickeln", als eine Sicherheitszone für sich zu fordern. Die Idee sei gefährlich: "Wir sässen zwischen Arabern und Kurden, wie in einem Sandwich. Es ist besser, da zu bleiben und zu wirken, wo wir sind. Das ist unsere Berufung als Christen - und nicht, in Gettos zu leben."

 


 

Wachsende Kluft zwischen Pfarrern und Kirchenleitung

 

Nicht nur in der Schweiz handeln SeelsorgerInnen in der konkreten Patoral mehr nach ihrem Gewissen als nach dem kirchlichen Recht und nach bischöflichen Weisungen, wenn es beispielsweise um die Generalabsolution, Krankensalbung oder Liturgie geht. Nun belegt eine breit angelegte Studie in Österreich, dass auch dort eine wachsende Kluft zwischen Seelsorgern und Bischöfen entsteht. 79 Prozent der Pfarrer sind für die Abschaffung des Pflichtzölibats. Dies belegt eine Studie, die im Auftrag der ORF-Sendung "kreuz und quer" vom Institut GfK Austria bei 500 Pfarrern in ganz Österreich durchgeführt wurde. Eine stärkere Öffnung der katholischen Kirche für die moderne Welt wollen auch 64 Prozent der befragten Pfarrer. Geleitet hat die Umfrage der Pastoraltheologe Paul Zulehner. Er bilanzierte beträchtliche Divergenzen zwischen Pfarrern und Kirchenleitung und sieht "extremen Handlungsbedarf". "In Pfarreien mit aufgeschlossenen Seelsorgern finde bereits heute eine faktische Basisreform statt. 52 Prozent der befragten Pfarrer sagen, dass sie in wichtigen Fragen anders denken als die Kirchenleitung (z.B. Zulassung von Wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten). 74 Prozent der Pfarrer beobachten, dass die Vorstellungen der Kirchenleitung und des Kirchenvolks immer weiter auseinanderklaffen. 62 Prozent vertreten die Ansicht, dass Priester heiraten und im Dienst bleiben können. Genauso viele sprechen sich dafür aus, dass die katholische Kirche laisierte Priester wieder in den Dienst nehmen soll. Diese Ausweitung wünschen auch jene Pfarrer, die auch dann weithin ehelos blieben, wenn sie heiraten könnten. 13 Prozent der Pfarrer würden wahrscheinlich und sechs Prozent ganz sicher heiraten, wenn sie das Amt behalten könnten. 51 Prozent der Pfarrer sind für die Priesterweihe für Frauen. Wie Zulehner erläutert, sei die Frauenordination für die Mehrheit der Pfarrer keine dogmatische Frage mehr, sondern nur mehr eine rein kirchenpragmatische. Die Befragungen brachte aber auch weitere interessante Erkenntnisse zu Tage: Über 70% der befragten Pfarrer sagen, die Kirche soll sich der modernen Welt mehr öffnen. Gleichzeitig zeigen sich aber 39 Prozent überzeugt, dass sich die Kirche von der modernen Welt deutlicher unterscheiden müsse. Und je jünger ein befragter Pfarrer ist, desto grösser ist seine Skepsis und Distanz zur modernen Kultur und zu Modernisierungsvorschlägen anderer Pfarrer. Vor allem die sogenannten "Spätberufenen", also diejenigen, die nicht gleich nach der Matura ins Priesterseminar eingetreten sind, zählen zu den Modernitäts-Skeptikern. So lehnen beispielsweise 39 Prozent der bis 40-Jährigen, die befragt wurden, komplett ab, dass Frauen zu Priesterinnen geweiht werden sollen.

Die Studie ist in Buchform erschienen. Paul Zulehner: Wie geht's, Herr Pfarrer?, Verlag Styria, ISBN 3-222-13314-X

 


 

In 20 Jahren ist nur noch die Hälfte der Österreicher katholisch

87.393 Österreicher haben 2010 die katholische Kirche verlassen. Der Katholikenanteil in Österreich sinkt damit auf 65,1 Prozent und in Wien ist er mittlerweile schon auf 39,8 Prozent abgesackt. In spätestens 20 Jahren werden weniger als 50 Prozent der österreichischen Bevölkerung Mitglied der katholischen Kirche sein. Dies prognostizieren Experten nun nach den am Dienstag veröffentlichten offiziellen Zahlen über die Austritte. Denn 2010 wird mit dem plötzlichen Bekanntwerden hunderter Opfer (sexueller) Gewalt durch katholische Priester und Ordensleute als ein Rekordjahr bei den Austrittszahlen in die jüngste Kirchengeschichte dieses Landes eingehen. 87.393 Österreicher haben sich 2010 von „ihrer“ Glaubensgemeinschaft verabschiedet – ein bisher nicht gekannter Anstieg um 64Prozent gegenüber 2009, das selbst bereits ein Rekordjahr gewesen ist. Damit hat sich der seit dem Jahr 1961 zu beobachtende Rückgang des Katholikenanteils beschleunigt. Derzeit sind zwei von drei Personen, die in Österreich leben, Katholiken (65,1Prozent). Vor zehn Jahren lag der Anteil noch bei 74 Prozent, 1981 bei 84 Prozent, 1961 bei 89 Prozent. In Wien bekennen sich nach den neuen Zahlen mittlerweile nur noch 39,8 Prozent zur katholischen Kirche.

Prognosen werden korrigiert

Bisher hat das Institut für Demografie der Akademie der Wissenschaften damit gerechnet, dass bis zum Jahr 2051 der Katholikenanteil in der österreichischen Bevölkerung auf unter 50 Prozent gesunken sein wird. Die Prognose stützt sich allerdings lediglich auf Zahlen bis zum Jahr 2001. Die signifikant zunehmende Dynamik gerade der letzten (beiden) Jahre lässt Demografie-Experten Alexander Hanika von der Statistik Austria auf Anfrage der „Presse“ sehr plausibel erscheinen, dass der Katholikenanteil schon in ungefähr 20 Jahren, also bis 2031, unter diese magische 50-Prozent-Grenze fallen wird. Hanika: „Neben den Austritten ist zu berücksichtigen, dass mehr Katholiken sterben als getauft werden. Und unter den Zuwanderern sind Katholiken eine kleine Gruppe.“ Tatsächlich belegt die gleichfalls am Dienstag veröffentlichte Gesamtkirchenstatistik über das Jahr 2009 (für 2010 liegen eben nur die Austrittszahlen vor), dass die Zahl der Taufen und auch die der Eintritte in die Kirche gesunken ist, während es demgegenüber bei den katholischen Begräbnissen einen Anstieg zu verzeichnen gab. Die Interpretationen der Austrittsstatistik fielen dem Absender entsprechend extrem unterschiedlich aus. Für Kardinal Christoph Schönborn ist jeder Austritt schmerzlich. Er spricht aber auch von einem „Zeichen neuer Freiheit“. Österreich entwickle sich von einem „Traditionschristentum“ zu einem „Entscheidungschristentum“. Und Schönborn wörtlich weiter: „Bald werden die ersten Krokusse aus dem Schnee kommen. Ich sehe überall solche Krokusse, auch in der Kirche. Ich wage zu sagen: Es gibt einen neuen Frühling in der Kirche.“ Die Plattform „Wir sind Kirche“ schätzt dies ganz anders ein. Sprecher Hans Peter Hurka sieht als Gründe für die Austrittswelle eine Verweigerung von Dialog und Reformen und Vertuschung sexueller Gewalt durch die Kirchenführung. Und die Plattform „Betroffene kirchlicher Gewalt“ interpretiert die jüngsten Zahlen als „Solidaritätsbarometer“ mit Missbrauchsopfern. Bei den Menschen herrsche Unmut darüber, dass die Kirche so wenig gegen Täter in den eigenen Reihen unternehme.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2011)

Vom Traditions- zum Entscheidungs-Christentum

Die Kirchenaustritte in letzter Zeit sind von den Missbrauchsskandalen mitbedingt, aber ihre Ursachen liegen tiefer. So kommentierte der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn die neuesten Eckdaten zum kirchlichen Leben, die an diesem Dienstag in Wien vorgestellt wurden. Gesellschaftliche Entwicklungen trügen auch ihren Teil zum Wandel der Kirche bei:

„Zugehörigkeit zur Kirche ist vergleichbar mit der Zugehörigkeit zu anderen Interessengemeinschaften und politischen Parteien ist eine Sache der Wahl und nicht mehr der Tradition. Unser österreichisches Kirchenbeitragssystem bewirkt zudem, dass man sich jedes Jahr entscheiden muss, ob es mir das Wert ist, dabei zu sein, wenn ich einen Erlagschein bekomme, eine Aufforderung, meinen Beitrag zu dieser Glaubensgemeinschaft zu zahlen.“

Der bekannte Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner sieht im Interview mit uns eine Entwicklung vom Traditionschristentum zum Entscheidungschristentum:

„Die Zeit ist vorbei, wo Glaube Schicksal war. Diese Zeit ist definitiv zu Ende. Heute ist Glaube nicht mehr Schicksal, sondern wie fast alles im Leben – Sexualkultur, die politische Präferenz – Wahl geworden. Leute können alles wählen, nur nicht, ob sie wählen. Und so müssen sie sich auch entscheiden, ob sie drinnen bleiben, ob sie austreten, ob sie eintreten und wie sie der Kirche innerhalb oder von außerhalb her folgen. Das ist eine völlig neue Situation für die Kirche, an die wir uns noch nicht ausreichend pastoral gewöhnt haben.“ (Radio Vatikan, 13.1.2011)

 

 


 

Rede von Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag

22. September 2011

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Herr Bundestagspräsident!

Frau Bundeskanzlerin!

Herr Bundesratspräsident!

Meine Damen und Herren Abgeordnete!

Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiß auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.
Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, daß Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muß. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muß Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, der ihm überhaupt die Möglichkeit politischer Gestaltung eröffnet. Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, daß diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, daß Macht von Recht getrennt wurde, daß Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und daß der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.
In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“
Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, daß geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident. Was in bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.
Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts. In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.
Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, daß sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, daß ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft. Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen. Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so daß man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen. Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist. Grundlegend ist zunächst die These, daß zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle. Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur und Vernunft. Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen. Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.
Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden. Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.
Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr mißverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Daß Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. Es ist wohl klar, daß ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. Erlauben Sie mir, bitte, daß ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.
Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. Er hatte gesagt, daß Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu. Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?
An dieser Stelle müßte uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.
Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


 

Predigt über Ökumene

von Papst Benedikt XVI. im Augustinus-Kloster Erfurt

23. September 2011

 

Liebe Brüder und Schwestern! „Nicht nur für diese hier bitte ich, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben“ (Joh 17,20) – so hat Jesus nach dem Johannes-Evangelium im Abendmahlssaal zum Vater gesagt. Er bittet für die künftigen Generationen von Glaubenden. Er blickt über den Abendmahlssaal hinaus in die Zukunft hinein. Er hat gebetet auch für uns. Und er bittet um unsere Einheit. Dieses Gebet Jesu ist nicht einfach Vergangenheit. Immer steht er fürbittend für uns vor dem Vater, und so steht er in dieser Stunde mitten unter uns und will uns in sein Gebet hineinziehen. Im Gebet Jesu ist der innere Ort unserer Einheit. Wir werden dann eins sein, wenn wir uns in dieses Gebet hineinziehen lassen. Sooft wir uns als Christen im Gebet zusammenfinden, sollte uns dieses Ringen Jesu um uns und mit dem Vater für uns ins Herz treffen. Je mehr wir uns in dieses Geschehen hineinziehen lassen, desto mehr verwirklicht sich Einheit.
Ist das Gebet Jesu unerhört geblieben? Die Geschichte der Christenheit ist sozusagen die sichtbare Seite dieses Dramas, in dem Christus mit uns Menschen ringt und leidet. Immer wieder muß er den Widerspruch zur Einheit erdulden, und doch auch immer wieder vollzieht sich Einheit mit ihm und so mit dem dreieinigen Gott. Wir müssen beides sehen: Die Sünde des Menschen, der sich Gott versagt und sich in sein Eigenes zurückzieht, aber auch die Siege Gottes, der die Kirche erhält durch ihre Schwachheit hindurch und immer neu Menschen in sich hineinzieht und so zueinander führt. Deshalb sollten wir bei einer ökumenischen Begegnung nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen, sondern Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt. Und diese Dankbarkeit muß zugleich Bereitschaft sein, die so geschenkte Einheit nicht zu verlieren mitten in einer Zeit der Anfechtung und der Gefahren.
Die grundlegende Einheit besteht darin, daß wir an Gott, den Allmächtigen, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde glauben. Daß wir ihn als den Dreifaltigen bekennen – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die höchste Einheit ist nicht monadische Einsamkeit, sondern Einheit durch Liebe. Wir glauben an Gott – den konkreten Gott. Wir glauben daran, daß Gott zu uns gesprochen hat und einer von uns geworden ist. Diesen lebendigen Gott zu bezeugen ist unsere gemeinsame Aufgabe in der gegenwärtigen Stunde.
Braucht der Mensch Gott, oder geht es auch ohne ihn ganz gut? Wenn in einer ersten Phase der Abwesenheit Gottes sein Licht noch nachleuchtet und die Ordnungen des menschlichen Daseins zusammenhält, scheint es, daß es auch ohne Gott geht. Aber je weiter die Welt sich von Gott entfernt, desto klarer wird, daß der Mensch in der Hybris der Macht, in der Leere des Herzens und im Verlangen nach Erfüllung und Glück immer mehr das Leben verliert. Der Durst nach dem Unendlichen ist im Menschen unausrottbar da. Der Mensch ist auf Gott hin erschaffen und braucht ihn. Unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit muß es sein, gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen und damit der Welt die Antwort zu geben, die sie braucht. Zu diesem Grundzeugnis für Gott gehört dann natürlich ganz zentral das Zeugnis für Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott, der mit uns gelebt hat, für uns gelitten hat und für uns gestorben ist und in der Auferstehung die Tür des Todes aufgerissen hat. Liebe Freunde, stärken wir uns in diesem Glauben! Helfen wir uns, ihn zu leben. Dies ist eine große ökumenische Aufgabe, die uns mitten ins Gebet Jesu hineinführt.
Die Ernsthaftigkeit des Glaubens an Gott zeigt sich im Leben seines Wortes. Sie zeigt sich in unserer Zeit ganz praktisch im Eintreten für das Geschöpf, das er als sein Ebenbild wollte – für den Menschen. Wir leben in einer Zeit, in der die Maßstäbe des Menschseins fraglich geworden sind. Ethik wird durch das Kalkül der Folgen ersetzt. Demgegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod – in den Fragen von PID bis zur Sterbehilfe. „Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen“, hat Romano Guardini einmal gesagt. Ohne Erkenntnis Gottes wird der Mensch manipulierbar. Der Glaube an Gott muß sich in unserem gemeinsamen Eintreten für den Menschen konkretisieren. Zum Eintreten für den Menschen gehören nicht nur diese grundlegenden Maßstäbe der Menschlichkeit, sondern vor allem und ganz praktisch die Liebe, wie sie uns Jesus im Gleichnis vom Weltgericht lehrt (Mt 25): Der richtende Gott wird uns danach beurteilen, wie wir den Nächsten, wie wir den Geringsten seiner Brüder begegnet sind. Die Bereitschaft, in den Nöten dieser Zeit über den eigenen Lebensrahmen hinaus zu helfen, ist eine wesentliche Aufgabe des Christen.
Dies gilt zunächst im persönlichen Lebensbereich jedes einzelnen. Es gilt dann in der Gemeinschaft eines Volkes und Staates, in der alle füreinander einstehen müssen. Es gilt für unseren Kontinent, in dem wir zur europäischen Solidarität gerufen sind. Und es gilt endlich über alle Grenzen hinweg: Die christliche Nächstenliebe verlangt heute auch unseren Einsatz für die Gerechtigkeit in der weiten Welt. Ich weiß, daß von den Deutschen und von Deutschland viel getan wird, damit allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht wird, und möchte dafür ein Wort herzlichen Dankes sagen.
Schließlich möchte ich noch eine tiefere Dimension unserer Verpflichtung zur Liebe ansprechen. Die Ernsthaftigkeit des Glaubens zeigt sich vor allem auch dadurch, daß er Menschen inspiriert, sich ganz für Gott und von Gott her für die anderen zur Verfügung zu stellen. Die großen Hilfen werden nur konkret, wenn es vor Ort diejenigen gibt, die ganz für den anderen da sind und damit die Liebe Gottes glaubhaft werden lassen. Solche Menschen sind ein wichtiges Zeichen für die Wahrheit unseres Glaubens.
Im Vorfeld des Papstbesuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von diesem Besuch erwarte. Die Gaben, die dabei genannt wurden, brauche ich nicht einzeln anzuführen. Dazu möchte ich sagen, daß dies ein politisches Mißverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Wenn ein Staatsoberhaupt ein befreundetes Land besucht, gehen im allgemeinen Kontakte zwischen den Instanzen voraus, die den Abschluß eines oder auch mehrerer Verträge zwischen den beiden Staaten vorbereiten: In der Abwägung von Vor- und Nachteilen entsteht der Kompromiß, der schließlich für beide Seiten vorteilhaft erscheint, so daß dann das Vertragswerk unterschrieben werden kann. Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit. Auf solche Weise ist in den letzten 50 Jahren, besonders auch seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. vor 30 Jahren viel Gemeinsamkeit gewachsen, für die wir nur dankbar sein können. Ich denke gern an die Begegnung mit der von Bischof Lohse geführten Kommission zurück, in der solches gemeinsames Hineindenken und Hineinleben in den Glauben geübt wurde. Allen, die daran mitgewirkt haben, besonders von katholischer Seite Kardinal Lehmann, möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen. Ich versage mir, weitere Namen zu nennen – der Herr kennt sie alle. Miteinander können wir alle nur dem Herrn danken für die Wege der Einheit, die er uns geführt hat, und in demütigem Vertrauen einstimmen in sein Gebet: Laß uns eins werden, wie du mit dem Vater eins bist, damit die Welt glaube, daß er dich gesandt hat (vgl. Joh 17,21).

 

 
 
 
 

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