Universität Luzern
«Es geht um ein Gefühl des Willkommenseins»
Die Säkularisierung kann eine Chance für die Ökumene sein, sagt Jan Loffeld, Autor des Buches «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt». Er referiert am 23. September in Luzern.

Das Christentum hat Zukunft, wenn es das Evangelium in den Mittelpunkt stellt und nicht die Kirchengestalt, sagt Jan Loffeld. Bild: Gerd Neuhold, Sonntagsblatt
Religion verliert in der Gesellschaft an Bedeutung, wie Sie in Ihrem Buch nachweisen. Kann die Säkularisierung dennoch eine Chance für die Ökumene sein?
Jan Loffeld: Ja. Die Grundfrage in einer säkularen Gesellschaft wird sein: Was bedeutet es, mit Gott zu leben, und was bedeutet es, ohne ihn oder sie zu leben? Diese Grundfrage ist hochökumenisch, denn sie betrifft alle Konfessionen. Hinzu kommen weitere Fragestellungen: Wie gehen wir mit Traditionsabbrüchen um? Welche Konzepte von Minderheiten kennen wir? Vom Judentum etwa können wir unterschiedliche Sichtweisen lernen, wie man sich als Minderheitenreligion verstehen kann.
Alle diese Phänomene werden aber häufig erst einmal als Bedrohung empfunden.
Die Gefahr besteht, dass man nicht sieht, dass wir im gleichen Boot sitzen, sondern dass man eher in die Haltung kommt: «Rette sich, wer kann.» Mit einer solchen Haltung sieht man die Ökumene eher als Luxus, dem man frönen kann, wenn es einem gut geht, wenn man sich nicht mit Kirchenschliessungen und finanziellen Einbussen beschäftigen muss.
Wie kann diese Haltung überwunden werden?
Nötig wäre aus meiner Sicht eine Weitung des Ökumene-Begriffs, wie der Erfurter Theologe Eberhard Tiefensee sie vorschlägt. Er spricht von der Ökumene der dritten Art. Die erste ist die interkonfessionelle, die zweite die interreligiöse und die dritte ist eine gemeinsame Ökumene mit den Konfessionslosen. Dabei geht es darum, eine ökumenische Haltung gegenüber den Religionslosen zu entwickeln, in der man einander in der je eigenen Diversität sein lässt, schätzt und auch neugierig aufeinander ist.
Wie kann eine solche Ökumene mit Konfessionslosen konkret aussehen?
Das wird schon vielfältig gelebt, etwa in Ehen, in denen ein:e Partner:in nicht getauft ist. Oder bei christlichen Begräbnisfeiern, an denen auch konfessionslose Menschen teilnehmen, oder durch ein Seelsorge-Angebot in Krisensituationen oder auch nur, wenn man die Kirchentüren offenhält und damit eine Möglichkeit bietet, Kerzen anzuzünden. Feiern zu Weihnachten oder Segensfeiern zum Schulanfang, zu denen auch Religionslose eingeladen sind, gehören dazu. Es geht letztlich um ein Gefühl des Willkommenseins, das allen zuteilwerden soll.
Ist das nicht ein Ausverkauf der Konfession? An einer christlichen Begräbnisfeier möchte ich als Liturgin von der Auferstehung sprechen, weil das zu meiner Konfession gehört.
Ich glaube, auch Konfessionslose, die in eine solche Feier kommen, erwarten, dass der Prediger oder die Predigerin über den eigenen Glauben spricht. Religionslose merken, ob man sich anbiedert und um jeden Preis alle anzusprechen versucht oder ob man wirklich die eigenen Glaubens- und Kulturtraditionen wahrt. Die Frage ist, wie das passiert. Ich halte es für wichtig, bei Formulierungen sehr vorsichtig zu sein und nicht vereinnahmend zu sprechen, ebenso wenig exklusiv. Vereinnahmend wären Formulierungen wie «Wir alle glauben…», exkludierend: «Wer nicht glaubt, mit dem geschieht dieses oder jenes.» Man kann stattdessen sagen: «Als Christ:innen glauben wir daran» oder «für uns als Christ:innen ist es wichtig,…» In meiner Erfahrung sind auch nicht religiöse Menschen in solchen biografischen Wendesituationen sehr wach und hören zu.
Eine Umfrage unter Pfarreileitenden im Kanton Luzern ergab, dass man sich mehr Ökumene wünscht, diese jedoch an den fehlenden Ressourcen und unterschiedlichen Strukturen scheitert. Wie soll Ökumene in diesem weiten Sinn gelingen, wenn sie schon zwischen den christlichen Konfessionen schwierig ist?
Es kann sein, dass die strukturellen Unterschiede relativ werden, wenn der Druck von aussen grösser wird. In Niedersachsen gibt es christlichen statt konfessionsgebundenen Religionsunterricht, weil man zu wenig personelle Ressourcen hat. Dennoch möchte man, dass die Botschaft des Evangeliums weitergeht. Genau darum geht es meiner Meinung nach für die Kirche der Zukunft: Um eine Haltung, die das Evangelium in den Mittelpunkt stellt und nicht die Kirchengestalt.
Was braucht es dazu?
Es braucht Leute, die das verstanden haben. Als Katholik finde ich es auch schön, eine Wallfahrt zu einem Marienwallfahrtsort zu machen, und Maria Himmelfahrt finde ich ein wunderbares Fest. Das darf alles sein. Aber gleichzeitig sollte man die SchnittstellenKompetenz fördern. Damit meine ich die Kompetenz, zu erkennen, was gemeinsam möglich ist: Schulgottesdienste, Willkommensgottesdienste, offene Kirchen, das Diakonische, das Ethische und so weiter.
Glauben Sie, dass sich die christlichen Kirchen an diesen Schnittstellen jemals finden werden?
Ich glaube, dass das an manchen Punkten schon Wirklichkeit ist. Ich sehe aber auch mit grosser Sorge, dass bei zunehmendem Druck von aussen die Versuchung besteht, sich auf die je eigene Identität zurückzuziehen. Dieser Gefahr kann man nur dadurch entgegenwirken, dass man sich kennt und schätzt.
In Ihrem Buch formulieren Sie die Ansicht, dass Religion dennoch nicht ganz verschwinden wird. Woher nehmen Sie diese Zuversicht?
Die Forschung sagt, dass es zu jedem Megatrend, in diesem Fall zur Säkularisierung, auch einen Gegentrend gibt. Wir sehen das beispielsweise an den zahlreichen Erwachsenentaufen in Frankreich. In der Praxis erlebe ich das auch hier an der Theologischen Fakultät in Utrecht, wo ich seit sieben Jahren tätig bin. Die Zahl der Theologie-Studierenden steigt von Jahr zu Jahr. Nicht in Hunderterschritten, aber es sind doch jedes Jahr ein paar mehr dabei. Ich bin sicher, dass die Urerzählung des Evangeliums vom Heil und Glück der Menschen immer noch eine Faszination ausübt und ausüben wird.
Sie glauben also letztlich an das Überleben der frohen Botschaft des Evangeliums.
Der Mensch ist sicherlich gottfähig im Sinne des Potenzials. Ich erlebe Menschen, die sagen: «Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages religiös bin, aber heute bin ich es, ich habe mich bekehrt.» Doch nicht jeder Mensch ist gottesbedürftig. Es gibt Menschen, die Gott nicht brauchen.
Und woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ich glaube, wir müssen diese beiden Freiheitspositionen ernst nehmen: Gott, der frei ist, wen er zum Glauben beruft und wen nicht. Aber auch den Menschen, der frei ist, dazu ja zu sagen oder nicht. Glauben kann man immer nur unter der Perspektive dieser Freiheitspositionen von Gott und Mensch beschreiben.
Erstpublikation im «pfarrblatt» Bern.
Zur Person
Jan Loffeld (*1975) ist Professor für Praktische Theologie an der School of Catholic Theology der Tilburg University in Utrecht. Er begleitet Zukunftsprozesse in niederländischen und deutschen Bistümern und ist Berater der Deutschen Bischofskonferenz. Sein Buch «Wenn nichts fehlt, so Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz» (Herder 2024) stiess auf grosse Resonanz.
Jan Loffeld hält die diesjährige Otto-Karrer-Vorlesung an der Uni Luzern zum Thema «Ökumene in neuen Koordinaten?»
23. September, 18.15, Jesuitenkirche, Bahnhofstrasse 11a, Luzern.