Orden und religiöse Gemeinschaften
Wenn das Haus zu gross wird
Die Gemeinschaft wird kleiner, die Räume leeren sich: Der Berg Sion in Horw, den die Schönstatt-Bewegung deshalb umbauen will, ist ein Beispiel von vielen. Aufgeben ist dort keine Option.

«Von ausserordentlicher architektonischer Qualität»: das Schönstatt-Haus Berg Sion in Horw, 1976 bis 1978 erbaut. Bild: Sarah Bucher, 2017. Hochschule Luzern, Technik & Architektur
In Werthenstein etwa war das vor vier Jahren anders. Dort verkauften die «Missionare von der Heiligen Familie» 2022 ihr Haus Höchweid an die Bewia. Die Abkürzung steht für «Begleitetes Wohnen im Alter», die gemeinnützige AG hat inzwischen 14 von geplanten 30 Wohnungen fertiggestellt und vermietet. Anders auf Heiligkreuz: Das Kloster Ingenbohl verkaufte sein Ferienhaus dort 2016 an einen Unternehmer. Wie der Bau künftig genutzt wird, ist offen.
Verkaufen: So weit geht die Genossenschaft Berg Sion nicht. Sie will im Terrassenhaus der Schönstatt-Gemeinschaft auf der Horwer Halbinsel 12 Wohnungen unterschiedlicher Grösse einrichten, hier sollen künftig «Menschen unterschiedlicher Generationen zusammenleben und ein Miteinander pflegen», wie es in der Baueingabe heisst. Die sechs Patres, die noch auf Berg Sion leben – der älteste ist 93 –, können bleiben und die Räume sollen weiterhin für Veranstaltungen genutzt werden. «Wir wollen den Geist dieses Orts erhalten», sagt Genossenschaftspräsident Armin Barmet (52). «Und mit allen Mitteln verhindern, dass hier dereinst ein Investor spekulativ baut.» Es gehe darum, das Erbe weiterzugeben, fügen Franz und Rita Schuler an. Sie leiten die Schönstatt-Bewegung Schweiz. Die gemeinnützige Genossenschaft entstand vor vier Jahren, um Berg Sion in die Zukunft zu führen. Die Mieteinnahmen aus den geplanten Wohnungen würden es Schönstatt möglich machen, die Anlage überhaupt halten zu können.
Noch keine Baubewilligung
Das Haus Berg Sion ist ein markanter, in den Hang gesetzter Bau, der 1978 bezogen wurde. Bis zu 45 Patres lebten einst hier. Die kantonale Denkmalpflege hat den Bau vor einem halben Jahr neu als «schützenswert» eingestuft und unterstützt die neue Nutzung. Sie hebt die «filigrane Betonkonstruktion» sowie die «markante Schottenbauweise» von Architekt Walter Hohler (1937–2016) hervor.
Die Genossenschaft Berg Sion ihrerseits spricht von «ausserordentlicher architektonischer Qualität» und lobt den «weitgehend original erhaltenen Zustand» der Anlage. «Für die Patres ist sie mittlerweile aber einfach viel zu gross», sagt Barmet. Im März reichte die Genossenschaft das Baugesuch ein.
Vor Herausforderungen wie auf Berg Sion stehen viele religiös-kirchliche Gemeinschaften. Die Kapuziner in Luzern etwa finanzieren ihren Unterhalt schon länger mit dem Vermieten von selbst gebauten Wohnungen und Arbeitsräumen, das Kloster Fahr hat seine ehemalige Bäuerinnenschule zu einem Mehrgenerationenhaus umgebaut, Klöster wie Baldegg, Ingenbohl oder Menzingen stecken in Transformationsprozessen. Armin Barmet bezeichnet das Schönstatt-Projekt als mutig und sagt, es sei der Bewegung ein Anliegen, Berg Sion als spirituellen Ort zu erhalten. Wer dort einziehen wolle, müsse aber nicht Schönstatt-Mitglied sein, sondern einfach «das Christsein leben» und den Geist des Orts mittragen wollen.
Gemeinschaften schaffen Nähe
Für Barmet ist die Öffnung von Berg Sion zudem keine Rettungsaktion, sondern ein Zukunftsprojekt. Schönstatt nehme die Umwälzungen in der Kirche ebenso wahr wie die Pfarreien. Wenn die Kirche kleiner werde, könne eine Zukunft in Laiengemeinschaften wie Schönstatt liegen. «Nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung», betont Barmet. Eine Aussage, die sich mit der Prognose des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) deckt. Für dieses sagte der St. Galler Bischof Beat Grögli vor einem Jahr bei der Vorstellung der Kirchenstatistik 2024, die Kirche könne künftig «keine flächendeckende Präsenz mehr gewährleisten». Um gleichwohl in der Nähe erfahrbar zu bleiben, würden «die Gläubigen vor Ort und ihr christliches Zeugnis im Alltag eine wichtige Rolle spielen».

Schönstatt gibt es weltweit
Schönstatt ist eine internationale katholische Bewegung, die auf Pater Josef Kentenich (1885–1968) zurückgeht. Aus dem «Liebesbündnis mit Maria, der Mutter Jesu und der Menschen», das Kentenich im Oktober 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, mit einer Gruppe Jugendlicher schloss, wuchs in der Folge eine weltweite Gemeinschaft. Schönstatt ist ein Ortsteil bei Koblenz in Deutschland.
In der Schweiz zählt die Bewegung nach eigenen Angaben rund 1900 Mitglieder und ist an fünf Orten präsent, neben Horw in Quarten, Brig, St. Gallen und Freiburg. Die Mitglieder organisieren sich in Gliederungen mit unterschiedlichen Verpflichtungen, zum Beispiel für Familien oder «Frauen und Mütter». Franz und Rita Schuler aus Steinerberg, welche die Bewegung in der Schweiz leiten, betonen, Schönstatt kenne keine Hierarchie. «Wir sind keiner Instanz verpflichtet, sondern nur einander, um uns gegenseitig für ein gelingendes Leben zu unterstützen», sagt Franz Schuler. Unterschiedliche Ansichten in Glaubensfragen seien möglich. Die persönliche Freiheit sei ein wichtiger Teil von Kentenichs Pädagogik und Spiritualität. «Jede und jeder ist gefragt, sich auf ihre und seine Weise in die Gemeinschaft einzubringen.»