Glaube in der Familie
Wenn Enkelkinder nicht mehr glauben
Wie geht es gläubigen Grosseltern, deren Enkelkinder nicht mehr christlich glauben? Wir haben nachgefragt.

Wenn Grosseltern Enkelkinder regelmässig hüten, braucht es Vertrauen und Respekt zwischen Grosseltern und Eltern – nicht nur in der religiösen Erziehung. Bild: Adobe Stock
Von allen neugeborenen Kindern in der Schweiz wurden letztes Jahr noch 16,4 Prozent katholisch getauft. Der Trend zu immer weniger Taufen setzt sich fort. Was bedeutet es für gläubige Grosseltern, wenn ihre Enkelkinder nicht mehr christlich erzogen werden?
Dieser Frage widmet Wunibald Müller sein jüngstes Buch «Enkel ohne Gott?». «Für viele gläubige Grosseltern ist es wichtig, dass der Glaube in den Familien nicht verloren geht», sagt der deutsche Theologe. Sie selbst hätten die religiösen Rituale als «grosse Stütze» erfahren. Deshalb möchten sie, dass die religiöse Tradition nicht abbricht, so Müller.
Das bestätigt Verena Keller* (84) aus Weggis. «Religion bestimmte in meiner Kindheit unser Leben. Wir hatten dreimal wöchentlich Schulmesse, in jedem Zimmer hing ein Kreuz oder Heiligenbild, im Advent gingen wir täglich in die Rorate-Messe. Wir haben am Tisch gebetet, vor dem Schlafengehen, im Mai den Rosenkranz…» Sie erzählt lebhaft von diesen Erinnerungen, hat mit der Kirche «nur gute Erfahrungen» gemacht, liebte die biblischen Geschichten im Unterricht ebenso wie die Musik und die schönen Gewänder in der Kirche.
«Traurige Bilanz»
Keller, die in späteren Jahren Katechetin war, hat versucht, ihren Glauben auch an ihre eigenen vier Kinder weiterzugeben. Diese ministrierten, waren in der Jubla oder in Taizé. Im Gespräch wird spürbar, wie nahe sie ihnen auch heute noch ist. Auch mit ihren Enkelkindern pflegte sie Tischgebete und nahm diese in den Gottesdienst mit. Dennoch spielt der christliche Glaube in ihrer Nachkommenschaft eine immer kleinere Rolle. Von Kellers zwölf erwachsenen Enkelinnen und Enkeln sind fünf getauft, von den neun Urenkelkindern noch eines. Eine «traurige Bilanz», sagt sie nachdenklich, und drückt genau die Sorge aus, von der Müllers Buch spricht: dass der Glaube in der Familie verloren gehen könnte. Keller verblüfft vor allem, wie schnell das geht: «Innerhalb von ein bis zwei Generationen ist Religion nicht mehr relevant.»
Grosseltern bleibe nichts anderes übrig, als dieser Realität ins Auge zu schauen, sagt Wunibald Müller in seinem Buch. Dazu gehöre auch, «sich bewusst zu machen, was verloren geht, wenn der Glaube verloren geht». Diese Frage hat sich auch Verena Keller gestellt. «Ich brauche einen Ansprechpartner, dem ich danken, dem ich meine Bitten und Klagen vorbringen kann», sagt sie. «Wem danken meine Enkelkinder?» Fragen wie diese wird sie bei nächster Gelegenheit mit ihnen diskutieren.
«Ich habe in meinem Leben erfahren, wieviel Halt mir der Glaube in schönen wie in schwierigen Zeiten geben kann», erzählt Maria Bucher (65) aus Sursee. «Wo finden meine Enkelkinder das?», fragt auch sie sich. «Die Gottesbeziehung, das personale Du gehen verloren», ergänzt ihr Mann Peter Bucher (66).
Respekt und Vertrauen
Die beiden haben fünf erwachsene Kinder und neun Enkelkinder im Alter von einem bis elf Jahren. Davon sind zwei nicht getauft. Buchers wuchsen beide katholisch auf und entschieden sich als Erwachsene nochmals bewusst für den Glauben. Als Mitglieder der Schönstatt-Bewegung prägt dieser ihren Alltag, im Bauernbetrieb ebenso wie in der Familie. Sie nehmen aktiv am Pfarreileben teil und engagieren sich hier.

Tisch- und Abendgebete, Feier- und Namenstage, Kirchgang, Erstkommunion und Firmung gehörten in der Familie einfach dazu. Und auch mit den Enkelkindern, die Buchers regelmässig hüten, pflegen sie Tisch- und Nachtgebete weiter, sie segnen sie vor dem Schlafengehen mit Weihwasser. «Wir haben die getauften Enkelkinder auch schon in den Gottesdienst mitgenommen sind», erzählt Peter Bucher mit einer gewissen Heiterkeit. «Sie spielten in der Spielecke und das gefiel ihnen gut.» Die Eltern hätten sie hinterher informiert. «Sie waren erstaunt, dass es gut gegangen sei, haben aber nicht ablehnend reagiert.» Bei den ungetauften würden sie dies nur in Rücksprache mit den Eltern tun.
«Unsere Kinder vertrauen uns, was die religiöse Erziehung der Kinder angeht», fügt Peter Bucher an. «Sie haben selbst erlebt, dass wir ihnen die Freiheit lassen und ihnen nichts überstülpen, was sie nicht wollen». Gleiches lassen die Grosseltern auch für die Enkelkinder gelten: Wenn eines nicht in den Gottesdienst möchte, würde ein Grosselternteil mit dem Kind zuhause bleiben.
Demut gefordert
Für Wunibald Müller ist die religiöse Erziehung klar das «Hoheitsgebiet» der Eltern, die Grosseltern seien darin lediglich «Gäste». Dennoch sollen religiöse Grosseltern «nicht aus Rücksicht auf die Enkel auf das verzichten, was ihnen bei ihrem Glauben wichtig ist», findet er. Dies insbesondere dann, wenn die Enkelkinder bei ihnen zu Gast seien. Hier müssten bisweilen Kompromisse gefunden werden. Gegenseitiger Respekt, Gesprächsbereitschaft und Offenheit nennt Müller als Voraussetzung für gute Lösungen.Der deutsche Theologe spricht aus eigener Erfahrung. Er ist zweifacher Grossvater und Vater einer atheistischen Tochter, wie aus deren Nachwort zu seinem Buch deutlich wird.
Müller legt Christ:innen Demut ans Herz im Umgang mit Menschen, die nicht oder anders gläubig sind: «Wie oft stellen wir uns über sie? Wie schnell sind wir versucht, ihnen zuzurufen: ‹Ihr bleibt auf halber Strecke stehen, solange ihr Gott ausblendet.›?» Der Massstab dafür, was religiös oder christlich sei, seien nicht der Kirchgang oder die Zugehörigkeit zur Kirche, sondern «bedingungsloses Lieben und grosszügiges Verhalten gegenüber dem Nächsten».
Das personale Du geht verloren.
Peter Bucher
In den Gesprächen mit Verena Keller und dem Ehepaar Bucher ist ein grosser Respekt gegenüber den Entscheidungen ihrer Kinder spürbar. «Die Eltern hätten uns Grosseltern nichts verboten, was ihre Kinder wollten. Umgekehrt haben auch wir den Eltern nie dreingeredet», erzählt die inzwischen verwitwete Verena Keller. Alle drei spüren dennoch auch Trauer über den Verlust des Glaubens bei ihren Nachkommen. «Manchmal schlucke ich leer», sagt Maria Bucher, «aber wir haben sie zur Freiheit erzogen, nicht nur in Glaubensfragen, sondern auch beispielsweise bei der Berufswahl.» Es sei wichtig, Kinder in ihrer Würde und Freiheit zu akzeptieren, sie dürften Nein sagen, fügt ihr Mann an. «Die Konsequenzen müssen wir akzeptieren.»
Christliche Werte
Der Glaube an einen personalen Gott verlagere sich in eine unbestimmtere Richtung, hin zu einer «höheren Kraft», antwortet Peter Bucher auf die Frage, was seine Kinder heute glaubten. Während sie selbst Halt im Glauben finde, hätten ihre Tochter und ihr Partner eine sehr gute Gesprächskultur, sagt Maria Bucher anerkennend. Sie könnte sich auch vorstellen, die Yoga-Praxis ihrer Tochter einmal auszuprobieren. Anders ihr Mann: «Ich glaube, dass Yoga ihnen etwas gibt. Mich reizt es dennoch nicht, weil ich in meinem Glauben verankert bin und mich lieber darin weiterbilde.» Ob die christlichen Werte auch in einer säkularen Gesellschaft überleben, wie Wunibald Müller glaubt, ist Bucher sich nicht sicher. «Auf welchem Fundament stehen diese Werte dann?»
Verena Keller ist diesbezüglich zuversichtlich: «Meine Kinder und Enkelkinder leben diese Werte: Sie führen ein gastfreundliches Haus, gehen sorgsam mit der Natur und mit Tieren um, sie haben einen herzlichen Umgang untereinander. Solange ich diese Liebe und Hilfsbereitschaft bei ihnen wahrnehme, gibt es Gott. Das tröstet mich», sagt sie und lächelt.
Auch Buchers hilft ihr eigener Glaube beim Loslassen: «Wir können sie im Gebet mitnehmen», sagt Peter Bucher. Seine Frau fügt an: «Wir können die Kinder und Enkelkinder nicht zwingen, in den Gottesdienst zu gehen, aber sie können uns nicht verbieten, sie in Gedanken dorthin mitzunehmen», sagt sie und schmunzelt etwas verschmitzt.
*Namen der Redaktion bekannt

Wunibald Müller: Enkel ohne Gott. Wenn der Glaube in den Familien verloren geht. Herder 2026. 190 Seiten.