«Wie ein Duft, der bleibt»

An Mariä Himmelfahrt werden Kräuter gesegnet. Der Brauch ist Erinnerung an eine Marienlegende, die Heilkraft der Kräuter, aus kirchlicher Sicht Ausdruck göttlicher Lebenskraft, auch wissenschaftlich belegt.

Von Dominik Thali |  30.07.2026

Martina Gassert segnet die Kräutersträusschen, die um den Altar hingestellt werden. In Sempach findet der Gottesdienst an Mariä Himmelfahrt bei trockenem Wetter am See statt. Bilder: Robert Conciatori (15. August 2025)

An Mariä Himmelfahrt, kirchensprachlich «Mariä Aufnahme in den Himmel», verbinden sich Lehre, Volksglaube und Wissenschaft. «Zur Kräutersegnung werden seit über tausend Jahren an diesem Tag Heilkräuter zum Gottesdienst gebracht», heisst es im «Benediktionale», dem Segensbuch der katholischen Kirche. Die Legende, die damit verknüpft ist, erzählt, die Freundinnen und Freunde Marias hätten an deren Grab duftende Blumen und Kräuter gefunden. «Ihr Leichnam habe keinen Verwesungsgeruch, sondern wohlriechende Düfte verströmt», erklärt die Theologin Gunda Brüske vom Liturgischen Institut in Freiburg.

Gott umgibt uns wie ein Duft

Martina Gassert, Pfarreiseelsorgerin in Sempach und Eich, nimmt dieses Bild auf, wenn sie davon berichtet, wie in ihren Pfarreien immer zu Mariä Himmelfahrt Kräuter gesammelt, zu bunten Sträusschen gebunden und im Gottesdienst gesegnet werden. «Die Sträusschen sollen zeigen, dass das Leben kostbar ist und dass Gott uns umgibt – wie ein Duft, der bleibt», sagt Gassert. Kräuter könnten Schmerzen lindern, heilen, Ruhe bringen – «und sie verbinden uns mit der göttlichen Lebenskraft». An Mariä Himmelfahrt gehe es um Heilung und Stärkung, erklärt die Seelsorgerin. Maria sei eine «Frau voller Kraft» gewesen. «Sie hat Ja gesagt zum Leben, Menschen begleitet und gestärkt – und ist für viele bis heute eine Helferin in der Not, Trösterin und Mutmacherin.»

«An Mariä Himmelfahrt geht es um Heilung und Stärkung»
 Martina Gassert, Pfarreiseelsorgerin

In Sempach bindet jeweils Gisela Stirnimann mit einer Gruppe Frauen die Kräutersträusschen. Gesammelt werde das, «was die Natur im jeweiligen Jahr schenkt», erklärt Stirnimann. Es müssten nicht bestimmte Kräuter sein. Im Gottesdienst werden die Sträusschen dann verschenkt. Manche Besucher:innen hängten sie zum Trocknen auf, andere benutzten sie zum Kochen oder für einen Tee. Das «Lexikon der Bräuche und Feste» (Herder Verlag 2001) listet weitere Verwendungen auf: Geweihte Kräuter werden in Haus und Stall im Herrgottswinkel angebracht, krankem Vieh ins Futter gemischt oder man wirft die Kräuter ins offene Feuer, um Schutz gegen Blitze und Seuchen zu erlangen.

«Das passt zu Maria»

Solcherlei ordnet der Hochdorfer Drogist Walter Käch als Volksglauben ein – ohne diesen abwerten zu wollen. Was er hingegen weiss: «Vieles, was aus Überlieferungen und alten Schriften über Heilkräuter bekannt ist, lässt sich heute wissenschaftlich belegen und bestätigt das alte Kräuterwissen.» Käch ist vom Fach: Er präsidiert die Stiftung, welche die historische Drogerie im Freilichtmuseum Ballenberg führt, und stellt dort oft selbst Naturheilmittel her.

Gott umgibt einen wie ein Duft, sagt Martina Gassert.

Zurück zu Mariä Himmelfahrt. Wie in Sempach läuft es vielerorts, und wie dort findet der Gottesdienst an Himmelfahrt oft draussen statt. «Es passt zu Maria, in die Natur zu gehen», findet Gassert und erinnert an den Marienmonat Mai mit seinen Bummeln zu Maiandachten. In Kleinwangen etwa bindet die Frauengemeinschaft Kräutersträusschen für den Feldgottesdienst im Ibenmoos, in Willisau feiert man auf dem Willbrig, in Dagmersellen auf dem Kreuzberg oder im Pastoralraum Oberseetal beim Jagdhaus Hiltig. Samt Sternmarsch dorthin.

Etwas fürs Leben mitnehmen

Wie lange all dieses Brauchtum sich zu halten vermag, ist ungewiss. In Hildisrieden etwa, wo an Mariä Himmelfahrt zugleich das Patrozinium gefeiert wird, bringen die Gottesdienstbesucher:innen die Sträusschen selbst mit. Gemeindeleiter Erich Hausheer stellt fest, dass deren Anzahl stetig abnimmt.

In Sempach werden die Kräutersträusschen an die Gottesdienstbesucher:innen verschenkt.

Das ist anderswo gleich. Trotzdem: Die Menschen nähmen gerne an solchen Gottesdiensten teil, weil es da viel zu sehen und zu erleben gebe, sagt Gassert. «Das sind sinnstiftende Feiern, die einem etwas für das eigene Leben mitgeben. Und der anschliessende Apéro trägt ebenfalls zur Gemeinschaft bei.»