«Freiräume schaffen im Gefängnis»

Seelsorge im Gefängnis schaffe Freiräume, sagt der reformierte Theologe Rolf Stieber. Darüber hat er ein Buch geschrieben. Sein Luzerner Kollege Michel Müller spricht lieber von Anleitung zur Selbsthilfe.

Von Dominik Thali |  21.01.2026

Zuhören nährt den Boden, damit darauf Vertrauen wachsen kann. Im Strafvollzug ist dies ein grundlegend für die Seelsorge. Bild: Gregor Gander

Stieber war viele Jahre Seelsorger im Männer-Strafvollzug im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dabei hatte er es mit Menschen zu tun, «welche die Gesellschaft zu den Letzten gemacht hat», wie der Theologe Fulbert Steffensky im Vorwort von Stiebers Buch «Begegnungen auf Seelenhöhe» schreibt. Der Autor berichtet darin von seinen Begegnungen mit Gefangenen. Zum Beispiel mit dem kriegsversehrten Jamal aus dem Libanon, den er als «ausgehungert nach einem vertrauensvollen, verlässlichen Kontakt» erlebte. Oder mit Langzeitinsasse Peter, den Stieber durch seine Krankheit hindurch bis zu einem Sterben in Würde begleitete. Es sind bewegende Zeugnisse aus einer Welt, die man von aussen kaum erahnen kann. 
Für seine seelsorgliche Arbeit hatte Stieber eine Zielvorstellung: Die Seelsorge im Strafvollzug soll für ihn «Freiräume schaffen, in denen die so vielfach gefangenen Männer wenigstens temporär dem Bann der Fremd- und Eigenerwartung entkommen konnten», wie er schreibt. Er wollte sie «so begleiten, dass sie zur Wirklichkeit ihres eigenen Lebens finden und dieser standhalten konnten».

Vertrauen aufbauen

Das sieht Michel Müller, reformierter Pfarrer in Greppen, Weggis und Vitznau und seit Mai 2024 Seelsorger in den zwei Luzerner Gefängnissen, anders. Sein Seelsorgeverständnis ist an kein Ziel geknüpft. Zweckbindung in der Seelsorge grenze an Vereinnahmung, sagt er. Im Grundsatz pflichtet er aber Stieber bei, dem es darum ging, «eine vertrauensvolle, seelsorgliche Beziehung herzustellen, in der es für den Gefangenen erlebbar wurde, dass ich ihm zuhörte und er von mir angenommen blieb, egal, was er zur Sprache brachte». Ohnehin habe er «nichts anzubieten als Zeit», sagt Müller. Als Zuhörer sei er freilich kein Berater. «Im Gespräch versuche ich vielmehr herauszufinden, ob es etwas gibt, an das sich jemand halten kann.» Stieber spricht von der «Erfahrung des Gehaltenseins», Müller bezeichnet seine Seelsorge als «Anleitung zur Selbsthilfe» oder, je nach Person, «Stärkung des Glaubens». Er helfe nicht, letztlich müssten die Strafgefangenen ihre eigene Kraft entdecken. 

Die eigene Hilflosigkeit

Müller erfährt oft, dass dass sich Gefangene ihm gegenüber mehr öffnen als dem Personal oder einem Mitgefangenen gegenüber, weil er von aussen komme und Verschwiegenheit sein Grundsatz sei. Manchmal verschlägt es ihm angesichts auswegslos erscheinender Situationen die Sprache. Müller räumt dann ein, nicht weiter zu wissen. «Meine eigene Hilflosigkeit ist Teil des Programms», sagt er. Das entlaste auch.

50 Prozent für die Seelsorge

In den beiden Luzerner Justizvollzugsanstalten Grosshof und Wauwilermoos stehen 50 Stellenprozente für die Seelsorge zur Verfügung. 20 davon hat der katholische Seelsorger Stephan Brändli,  30 der reformierte Michel Müller. Die beiden Anstalten zählen zusammen rund 180 Plätze.