Jesus als Opfer von Gruppendynamik
Das Berner Stadttheater zeigt «Jesus Christ Superstar». Im Zentrum der Rockoper steht weniger die biblische Geschichte als eine zeitlose Parabel über Gruppendynamik und Idole.
Das letzte Abendmahl in Bern – eine moderne Variante von Leonardo da Vincis berühmtem Gemälde. Bilder: Robert Lewis
Das Bühnenbild ist schlicht in Grau- und Beigetönen gehalten. Links die Fassade eines Gebäudes, rechts führt eine lange Treppe zu seiner Seitentür, davor eine kleine Balustrade. Auf der Treppe liegt reglos ein Mensch: Es ist Jesus kurz nach seiner Verhaftung.
Die Tür schwingt auf und Pilatus, in langem, hellblauem Umhang mit goldenen Pflanzenmustern, stürzt aus der Tür. Achtlos läuft er an Jesus vorbei die Treppe herunter. «Who is this broken man?» (Wer ist dieser gebrochene Mann?) fragt Pilatus, hörbar entnervt. Seine ruckartigen Bewegungen verraten eine gewisse Unsicherheit. Ein Wächter zerrt Jesus von der Treppe und drückt ihn mit einem Gewehr auf die Knie. Während des nun folgenden Verhörs durch Pilatus schweigt Jesus weitgehend.
Zum Idol hochstilisiert
«Jesus Christ Superstar» zeigt die letzten Tage im Leben Jesu, vom Einzug in Jerusalem bis zu seinem Tod am Kreuz. Das Stadttheater Bern bringt die Rockoper von Andrew Lloyd Webber ab Ende März auf die Bühne. Das Stück aus dem Jahr 1971 und die Verfilmung (1973) waren ein grosser Erfolg. Allerdings übten vor allem christliche Kreise auch Kritik, etwa an der angedeuteten Liebesbeziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena, an Judas als zentraler Figur mit sympathischen Zügen oder an einem Pilatus, der an seinen eigenen Handlungen zweifelt.
Zeitlose Parabel
Für Tomo Sugao, Regisseur der Berner Inszenierung, steht nicht die religiöse Geschichte im Zentrum. Er betont vielmehr die allgemeingültige Parabel. «Die Gesellschaft sehnt sich nach Erlösung, deshalb macht sie einzelne Figuren zu ‹Superstars›», sagt Sugao gegenüber dem Pfarreiblatt. «Das ist absolut modern, das können Menschen wie Alexei Nawalny oder Greta Thunberg sein.» Zuerst komme Jesus mit seiner Botschaft der Nächstenliebe gut an, «doch dann wird er zum Idol hochstilisiert und zerbricht daran, weil er die Erwartungen nicht erfüllen kann».
Während Pilatus (rechts) auf der unteren Bühne Jesus (Mitte) verhört, schreit die Menge oben «Kreuzige ihn!»
«Es geht stark um Gruppendynamik», sagt auch Til Ormeloh, der in einem Teil der Aufführungen Jesus verkörpert, in den anderen Pilatus. «Wie kann eine einzelne Person zum Anführer einer ganzen Gruppe werden?» Genau dies sei auch das Anspruchsvolle an dieser Rolle: «Was hat eine Person für eine Ausstrahlung, dass sie so viele Leute überzeugen kann? Wie stelle ich das dar?», fragt sich der Sänger und Schauspieler.
Hinter der Darstellung stecke viel Handwerk, verrät Ormeloh: «Zuerst muss man den Part singen können. Das hohe G zu erreichen, erfordert Training. Erst am Ende packt man die Emotionen darüber.» Was die Emotionen angeht, ist er mit seiner Darstellung des Pilatus in der heutigen Probe noch nicht zufrieden: «Ich muss noch etwas Energie rausnehmen. Seine Wut muss noch stärker aus der Unsicherheit kommen.»
Pilatus im Dilemma
Auf der Bühne wird inzwischen eine neue Szene geprobt: Nach dem Verhör bei Herodes steht Jesus erneut vor Pilatus. Die Bühne wird dazu zweigeteilt, der hintere Teil in die Höhe gehoben. Dadurch sind sowohl die Menschenmenge wie der Gerichtshof mit Pilatus, Jesus und den Hohepriestern sichtbar. Oben schreit die Menge immer lauter: «Crucify him!» (Kreuzige ihn!) Unter dieser tobenden Menge schweigt Jesus selbst dann noch, als er ausgepeitscht wird – im Stück vor allem akustisch und durch die Zuckungen der Tänzer:innen auf der oberen Bühne verdeutlicht. Am Ende der Szene schlägt sich der verzweifelte Pilatus gleichsam auf die Seite der Menge: Über eine Leiter flieht er aus dem Gerichtshof auf die obere Bühne, wo er schliesslich zusammenbricht.
Jesus (im Zentrum, sitzend) fühlt sich von den Jünger:innen unverstanden.
«Pilatus ist in diesem Stück im grössten Dilemma», findet Til Ormeloh, der ihn an der heutigen Probe verkörpert. «Jesus weiss, dass er sterben muss, Judas weiss, dass er Jesus verraten muss, um die Geschichte zu vollenden. Pilatus aber wird gezwungen, das Todesurteil zu fällen. Dabei hat er durchaus Sympathie für Jesus.»
Gottes Plan als Schicksal
Tyce Green, der an der heutigen Probe Jesus spielt, möchte diesen vor allem menschlich zeigen. «Das Stück ist insofern ein einzigartiges Werk, als man Jesus dabei zusieht, wie er menschliche Emotionen und Situationen auf extremste Weise erlebt.» Dies zeige sich besonders in den Szenen, in denen er passiv erscheint. «Jesus hat seine Mission akzeptiert, aber er durchlebt nun die menschlichen Momente der Prophezeiung, die er selbst vorhergesagt hat. Das ist neu für ihn.»
Für die Schauspieler hat dieser Plan Gottes mit Jesus etwas Schicksalhaftes, das sie nicht weiter in Frage stellen. «Judas ist eine Art Schachfigur in einem grösseren Spiel», sagt Allen Marchioni, der Judas verkörpert. «Ohne ihn könnte sich die Prophezeiung nicht erfüllen.» Judas nur als Bösewicht oder Verräter zu betrachten, sei zu eindimensional. «Jesus und Judas sind wirklich gute Freunde. Jesus braucht jemanden, der ihn verrät, jemanden, dem er vertraut, dass er das auch wirklich tut», so Marchioni. «Ich halte Judas für den vertrauenswürdigsten Apostel Jesu.»
Mit Jesus seelenverwandt
Einer der berühmtesten Songs der Oper wird von Maria Magdalena gesungen: «I don’t know how to love him» (Ich weiss nicht, wie ich ihn lieben soll). Ein Lied, das Spekulationen darüber weckt, ob sie und Jesus ein Liebespaar waren. In der Berner Inszenierung werde das nicht so stark unterstrichen, sagt Anastasia Troska, die Maria Magdalena darstellt. «Jesus ist im Stück ein Mensch, der zuerst an andere denkt und zu wenig an sich. Maria Magdalena sieht das und versucht, Jesus zu schützen.» Aus ihrer Sicht sind die beiden seelenverwandt. «Das ist für mich eine Art Liebe.» Troska glaubt durchaus, dass Maria mehr für Jesus empfindet, «aber sie kommt nicht dazu, diesen letzten Schritt zu tun, weil er für alle da ist.»
Güte, Nächstenliebe, Frieden nennt auch Tyce Green als zentrale Botschaft Jesu. «Seine Werte und Lehren sind zutiefst menschlich. Unabhängig davon, ob jemand ihm oder einer anderen religiösen Figur folgt, kommt es letztlich darauf an, was er gelehrt hat und wie sich dies positiv auf den Kern des Menschen auswirken kann.»