Jodeln ist wie heimkommen

Jodeln gehört neu zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Gesangskunst verbindet Menschen und hat auch spirituelle Dimensionen. Das zeigt ein Besuch beim Jodlerchörli im Lehn in Escholzmatt.

Von Sylvia Stam |  28.05.2026

Das Jodlerchörli im Lehn aus Escholzmatt bei einem Auftritt im KKL. | Bild: zVg

«Joholijooo!», erklingt es an diesem Dienstagabend im Proberaum der Tagesschule Integration in Escholzmatt. «Probiert runde, einheitliche ‹O› zu singen», sagt Godi Studer, der vorne am Klavier sitzt und das Jodelchörli im Lehn leitet. 20 Männer und 5 Frauen im Alter zwischen 16 und 75 Jahren singen hier mit. Das Lied dient dem Einsingen, gesungen wird stehend, die Männer haben ihre Hände in den Hosentaschen. «Singt den Jodel nochmals auf einem hellen ‹A›», fordert Godi Studer die Sänger:innen auf. Nach einer weiteren Wiederholung ist er mit dem Klang zufrieden.

Nach dem Einsingen ist das Jodellied «Mis Äntlibuech» dran. Dieses Lied wird das Jodelchörli am Eidgenössischen Jodlerfest von Ende Juni in Basel zum Besten geben. Es besingt in vierstimmigem Satz die «liebe Bärge», dieses «Ländli», ein «Vöuchli, wo so wärche tuet», und wenn nachts die Sterne ihre Bahnen ziehen, «bätte mier vo Härze gärn». Der darauffolgende Jodel ist ohne Text, doch alle scheinen zu wissen, wann sie auf Ja, Jo oder Ju singen müssen.«Wir wissen das meist intuitiv», sagt Stephanie Zemp (46) im Gespräch. Es komme auf die Tonhöhe an. «Und sonst schauen wir, wie es uns beim Singen geht, welcher Vokal besser klingt, und legen ihn dann fest.» Die Jodlerin, die auch klassisch singt, ist seit zehn Jahren dabei. «Jodeln verbindet Menschen in der ganzen Schweiz miteinander, man findet immer Gleichgesinnte zum Jodeln!», schwärmt sie.

Naturjutz als Gebet

Die Gemeinschaft im Chor schätzt auch Thomas Krummenacher (64). Er jodelt seit 34 Jahren im Chörli im Lehn. In vielen Jodelliedern erkennt er eine gewisse Dankbarkeit für das Leben. Das sei durchaus eine spirituelle Dimension. «Auch ich sage dem Herrgott ab und an Danke.» Ein Naturjutz habe auch etwas von einem Gebet, findet Krummenacher. Diesem Dank für das Leben schliesst sich auch Fabian Limacher (16) an, der Jüngste im Chor. Er singt von Kindsbeinen an. Der Dienstag sei für ihn der schönste Tag der Woche, denn «Jodeln ist wie heimkommen, man kommt zu sich», so seine Erfahrung, «das geht tief». Die Texte seien aus dem Leben gegriffen, finden die beiden Männer. Limacher fühlt sich dadurch auch mit den Generationen vor ihm verbunden, für die Sätze wie «vo Härze gärn bätte» eine Bedeutung hatte. 

Jodlermesse im Vatikan

Ein Fachmann auf dem Gebiet des Jodels ist Gody Studer (75). Der frühere Lehrer und Organist hat das Jodlerchörli im Lehn 27 Jahre dirigiert, ehe sein Sohn Godi dies 2006 übernahm. Der ehemalige Gemeindepräsident von Escholzmatt ist zudem Juror beim Eidgenössischen Jodlerverband und gehörte zur Redaktionsgruppe, die sich um Aufnahme des Jodels ins Unesco-Kulturerbe-Verzeichnis bewarb.
Die Literatur für Jodelchöre bestehe typischerweise aus einem Lied mit Text und einem zweiten Teil mit einer oder mehreren Jodelstimmen. «Jodel ist Gesang ohne Text, bei dem man zwischen Kopf- und Bruststimme wechselt», erklärt er. Es sei «eine hochentwickelte vokale Ausdrucksform mit differenzierten Stilen und Techniken». Für ihn hat der Jodel auf jeden Fall eine spirituelle Dimension. «Ich habe ihn als Organist bewusst in den Kirchengesang eingeführt», sagt Studer, und erinnert sich daran, als 1983 erstmals eine Jodlermesse im Vatikan aufgeführt wurde. «Die Menschen waren überrascht, so etwas in der Kirche zu hören; sie hatten es nicht erwartet, und doch wirkte es sehr stimmig.» Viele bekämen Gänsehaut, wenn sie Jodel hörten. «Das passiert nur, wenn man innerlich berührt ist.»

Dennoch kennt er die Erfahrung, dass Jodel belächelt und nicht ganz ernst genommen wird. Auf die Frage, ob das mit Texten zusammenhängen könnte, welche die Heimat und das Sennenleben verherrlichen, antwortet er mit einer Gegenfrage: «Sind die Psalmtexte denn besser?» Zwar gebe es diese etwas kitschigen Texte, «aber ebenso auch zeitgemässe, die sich mit ernsthaften Themen befassen». Etwa damit, dass die Zeiten sich ändern müssten oder dass auch krumme Holzscheite warm geben könnten. Mit dem feministischen Jodelchor «Echo vom Eierstock», der traditionelle Rollenbilder im Jodellied aufbrechen will, hat er keine Mühe, solange dafür neue Texte verfasst werden. Denn bestehende Texte stammten aus einer Zeit, in der diese Geschlechterrollen auch so gelebt worden seien. 

Nachwuchsförderung

Dass Jodel neu zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, ist auch Studers Verdienst. «Ich war dabei, als das Entlebuch zur ‹Unesco Biosphäre› wurde mit dem Ziel, das Image der Region zu fördern.» So setzte er sich nun zusammen mit anderen Fachleuten für die Bewerbung des Jodels als immaterielles Weltkulturerbe ein.

Von der Aufnahme erhofft er sich denn auch mehr Anerkennung für diese Gesangskunst. «Ich freue mich sehr über das Diplom, aber es ist mit Verpflichtungen verbunden, die wir nun umsetzen müssen.» So soll der Jodel etwa vermehrt im schulischen Musikunterricht Einzug finden, ausserdem soll ein Verzeichnis mit Jodelliedern erstellt werden, die für Kinder und Jugendliche singbar sind. Solche Massnahmen könnten den Jodel langfristig auch bei jüngeren Generationen als Kulturgut erhalten.
 

Unesco-Weltkulturerbe

Im Dezember hat die Unesco das Jodeln in das immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen. Dieses umfasst lebendige Traditionen wie mündliche Ausdrucksformen, darstellende Künste, Rituale und Feste, Praktiken im Umgang mit der Natur oder Fachwissen über traditionelle Handwerkstechniken. Das Bundesamt für Kultur hat die Kandidatur unter Einbezug von Jodel-Expert:innen und Fachorganisationen koordiniert. Die Ernennung ist in einem Diplom festgehalten. Um dieses zu behalten, müssen Massnahmen wie Nachwuchsförderung und Digitalisierung umgesetzt werden. Die Unesco überprüft dies regelmässig.