Langeweile kennt er nicht
Die Kapelle Gormund in Neudorf hat seit fünf Monaten wieder einen Wallfahrtskaplan. Christoph Baumgartner möchte Räume der Begegnung schaffen.
«Es ist fast wie ein Schlössli», sagt Christoph Baumgartner und lacht verschmitzt. Der Wallfahrtskaplan von Gormund spricht von seinem neuen Domizil, der Kaplanei direkt unterhalb der Kapelle. Rundherum viel Wiese, ein Golfplatz, an klaren Tagen sieht er die Alpenkette vom Säntis bis zur Jungfrau.
Christoph Baumgartner (70) ist seit November im Amt. Davor leitete er während 18 Jahren den Pastoralraum Bischofsberg-Bischofszell TG. Nach so langer Zeit wollte er «nicht gleich von hundert auf null», sondern nochmals etwas Neues machen. Da kam ihm die Anfrage des Bistums gelegen. Dennoch sei es eine grosse Umstellung gewesen, gibt er unumwunden zu. In Bischofszell wohnte er mitten in der Altstadt. «Wenn ich auf die Strasse trat, begegnete ich immer Erwachsenen, Kindern, Jugendlichen. Nach 18 Jahren kennt man die Leute. Sollte man sie kennen!», schiebt er schalkhaft nach.
Raclette-Essen und Kirchenkaffee
Aus dem Gespräch wird deutlich, wie sehr er den Kontakt mit Menschen mag. Ein Raclette-Essen mit dem Team des Pastoralraums Michelsamt, zu dem die Kaplanei gehört, war für ihn in seiner neuen Funktion ebenso ein Höhepunkt wie das Kirchenkaffee nach dem Sonntagsgottesdienst. Langfristig wünscht er sich hier auch Predigtgespräche oder Einkehrtage mit Impulsen und Austausch. Gormund soll ein Ort sein, wo Menschen einander begegnen. «Es braucht spirituelle Zentren, wo die Menschen auftanken können, geistig wie körperlich. Orte, die Glaubensfreude ausstrahlen.» Das könnten Wallfahrtsorte oder Pfarreien sein. Es brauche lediglich Menschen, die Zeit hätten, um zuzuhören.
Die Wallfahrtskapelle Gormund liegt auf einem Moränenhügel und ist von Weitem sichtbar. Quelle: Sylvia Stam
Aktuell feiert er in Gormund täglich eine Messe (ausser montags). Mal kämen 25 Leute, mal bloss sieben, im Alter von 17 bis 93 Jahren. Viele seien aus der Region, an Wochenenden kämen auch Leute aus Zug oder Zofingen. Manche seien eher traditionell, wollten beispielsweise nur die Mundkommunion empfangen. «Auch sie dürfen bei mir beheimatet sein», sagt der Franziskaner, stellt aber klar, dass für ihn das Zweite Vatikanische Konzil und die Synode 72 wichtige Meilensteine waren, in denen Reformen entschieden wurden, hinter die er nicht zurück möchte. «Wenn ich merke, dass es zu extrem wird, spreche ich das an.» Etwa wenn jemand die Mutter Gottes über Christus stelle oder nur jene für rechtgläubig halte, die Mundkommunion praktizieren.
Erfülltes Leben
Nebst den Messfeiern gehören auch Versöhnungsgespräche zu seinen Aufgaben, jeweils samstags von 16 bis 18 Uhr. «Ich habe jeden Samstag zu tun», sagt Baumgartner. Er führt diese Gespräche lieber im Chorraum als im Beichtstuhl. Die Menschen kämen mit Fragen zum Glauben, zu Beziehungen oder mit ethischen Fragen. «Letztlich wollen Menschen erkennen, worin die Erfüllung ihres Lebens liegt.»
Sein eigenes Leben bezeichnet er als «sehr erfüllt». Nach der Genesung von einer Krebserkrankung vor zwei Jahren sei er erst recht dankbar, dass er jeden Morgen aufstehen könne. Kennt er auch Einsamkeit? Er überlegt einen Moment. «Ich glaube nicht. Das Telefon schellt schon weniger als früher. Aber langweilig wird es mir nicht», sagt er mit Bestimmtheit.