Mehr als nur «nichts essen»
Wer fastet, verzichtet bewusst auf Nahrung. Dabei wird auch der Geist gereinigt, sagen Expert:innen.
Fastentee, Bittertropfen, Fastensuppen – die Produkte der Linie «Hildegards Laden» sind vielfältig. | Bild: Roberto Conciatori
40 Tage fastete Jesus nach seiner Taufe in der Wüste, bevor er begann, das Evangelium zu verkünden. Ebenso lange blieb Mose auf dem Berg Sinai, ehe er die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten empfing. «Jesus und Mose gerieten durch das Fasten in einen Zustand der Reinheit. Sie wurden empfänglich für die Lehre, die sie anschliessend verbreiteten», erklärt Sam Hug. Er ist bei den Hilfswerken Fastenaktion und HEKS Ansprechperson für Pfarreien, die eine Fastenwoche anbieten möchten. In den Pfarreien wird laut Hug meist nach der Methode Buchinger gefastet (siehe Infobox). Dabei wird in der Regel sieben Tage lang vollständig auf feste Nahrung verzichtet.
Versorgung von innen
Wer zum ersten Mal fastet, begegnet dem Vorhaben häufig mit Unsicherheit. «Wie soll das funktionieren? Viele fragen sich, ob sie es schaffen würden, etwa morgens auf den Kaffee zu verzichten», erinnert sich Denise Britschgi an Gespräche mit Interessierten. Die Katechetin aus Hochdorf hat bereits mehrere Fastenwochen begleitet. «Fehlt die Nahrung von aussen, stellt sich der Körper auf Versorgung von innen um», erklärt die ärztlich geprüfte Fastenleiterin (dfa). Das Fasten aktiviere die Selbstheilungskräfte des Körpers – ein Effekt, den der deutsche Arzt Otto Buchinger (1878–1966) in den 1920er-Jahren durch Selbsterfahrung entdeckte. «Der Körper hat Zeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen», sagt Britschgi, die seit regelmässigem Fasten frei von Unterleibsschmerzen ist.
«Heute ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Körper beim Fasten in einen Zustand gerät, in dem sich die Zellen erneuern», sagt Sabine Wiemann aus Meisterschwanden AG, die ebenfalls als ärztlich geprüfte Fastenleiterin dfa Fastenwochen in Bildungshäusern anbietet. Der Fachbegriff dafür lautet Autophagie.
«Es ist eine Art Recycling-Programm des Körpers», erklärt sie. Heilsame Erfahrungen machten Fastende etwa bei Gelenkschmerzen, Bluthochdruck oder Migräne. Wichtig sei jedoch, insbesondere beim ersten Mal begleitet zu fasten und dies allenfalls mit der Hausärztin oder dem Hausarzt abzusprechen.
Beim Fasten nach Hildegard von Bingen werden weniger bekannte Gewürze wie Bertram oder Galgant verwendet. | Bild: Roberto Conciatori
Sensiblere Wahrnehmung
Denn wer auf äussere Nahrung verzichte, werde sensibler für das eigene Innenleben, betonen beide Fastenbegleiterinnen. «Man entwickelt Klarheit, träumt intensiver, und auch Verdrängtes kann hochkommen», sagt Wiemann.
Für Menschen mit körperlich anstrengender Arbeit, gesundheitlichen Einschränkungen oder Vorbehalten gegenüber einem vollständigen Nahrungsverzicht eignet sich das Fasten nach Hildegard von Bingen. Die Benediktinerin (1098–1179) wurde als Mystikerin und Universalgelehrte bekannt. Anders als beim Buchinger-Fasten wird hier weiterhin leichte Nahrung eingenommen. Die Rezepturen fänden sich in ihren Schriften, erklärt Simon Frey, Drogist HF in Kriens, der Produkte aus «Hildegards Laden» vertreibt. «Sie wurden in den 1980er-Jahren aufgearbeitet und sind in der Alternativmedizin anerkannt.»
Dinkel im Zentrum
Während einer Fastenwoche nach Hildegard von Bingen werden täglich 500 bis 800 Kalorien konsumiert, vor allem in Form von Dinkelbrei, Dinkelbrot, Suppe und Kräutern wie Bertram, Galgant oder Quendel. Wichtig sei zudem ein moderates Bewegungsprogramm, etwa Wandern oder Yoga, sagen Frey und Wiemann.
«Hildegard von Bingen unterscheidet verschiedene Wesenstypen», erklärt Frey, ähnlich wie Ayurveda oder die Blutgruppendiät. Nicht jede Fastenform passe zu jedem Menschen. Dinkel spiele bei von Bingen eine zentrale Rolle, weil dieser allen Typen zuträglich sei.
Eine Herzensangelegenheit
Wer nicht selbst kochen möchte, kann ein fixfertiges Fastenpaket erwerben. «Es geht um Entschleunigung», sagt Frey. Die gewonnene Zeit solle der inneren Auseinandersetzung dienen. Auf die Frage, ob Fasten damit nicht zu sehr um das eigene Ich kreise, entgegnet er: «Wir leben in einer Zeit mit vielen krank machenden Einflüssen. Ich bin täglich mit diesen Krankheiten konfrontiert. Daher möchte ich das mittelalterliche Heilwissen, wie man den Geist reinigen kann, weitergeben.» Ein lukratives Geschäft sei das nicht, «eher eine Herzensangelegenheit».
Einmal fasten allein genüge jedoch nicht für eine nachhaltige Wirkung, betonen Frey und Wiemann. Entscheidend sei die bewusste Rückkehr in den Alltag – und die Frage, welche Nahrungsmittel man wirklich brauche.
Fasten nach Buchinger
Beim Fasten nach Buchinger/Lützner wird fünf bis zehn Tage auf feste Nahrung verzichtet. Die Fastenden nehmen ausschliesslich Flüssigkeit zu sich, zum Beispiel Wasser, Kräutertee, Gemüsebrühe oder Obst- und Gemüsesaft, ergänzt durch kleine Mengen Honig. Zu den Grundpfeilern gehören Bewegung, Ruhe und unterstützende Massnahmen wie Darmentleerung oder Leberwickel. Das Fasten wird mit einem Apfel gebrochen, danach folgt ein behutsamer Kostaufbau mit leichten, ballaststoffreichen Lebensmitteln.
Hildegard von Bingen
Hildegard von Bingen (1098–1179) war eine deutsche Benediktinerin und Mystikerin. Ihre Werke befassen sich mit Religion, Medizin, Musik, Ethik und Kosmologie. Sie beriet hochgestellte geistliche und weltliche Zeitgenossen. 2012 sprach Papst Benedikt XVI.
sie heilig und ernannte sie zur Kirchenlehrerin.