«Prozesse müssen vor Ort stattfinden»
Im Kanton Luzern ist noch knapp die Hälfte der Bevölkerung katholisch. Vor zehn Jahren waren es 63 Prozent. Kantonalkirche und Bistum haben deshalb ein Zukunftsprojekt gestartet.
«Kirchenentwicklung ist auch eine Frage des Vertrauens»: Bischofsvikar Hanspeter Wasmer (links) im Gespräch mit Synodalrätin Annegreth Bienz-Geisseler und Detlef Hecking, Pastoralveranwortlicher des Bistums. | Bild: Gregor Gander
Im Gespräch:
- Annegreth-Bienz-Geisseler (61) ist Synodalrätin der Landeskirche mit dem Ressort Kirchgemeinden, Synodalkreise und Synode.
- Hanspeter Wasmer (59) ist Bischofsvikar der Bistumsregion St. Viktor (Kantone Luzern, Zug, Schaffhausen und Thurgau).
- Detlef Hecking (58) ist Pastoralverantwortlicher des Bistums Basel.
Alle drei gehören der Projektleitung von «Zukunft Katholische Kirche im Kanton Luzern» an. Ungekürztes Interview hier.
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Menschen fragen sich: Wie geht es mit der Kirche weiter? Wie werden sie die Veränderungen spüren?
Detlef Hecking: Obwohl viel an der Basis geschieht, lebt die Kirche noch stark von oben nach unten: Jemand organisiert etwas und die Leute kommen. Dies wird es künftig weniger geben. Die Kirche wird mehr von der Initiative vor Ort leben. So wird sie vielleicht aber lebendiger sein als das, was heute noch lebt und trotzdem nicht mehr richtig trägt.
Hanspeter Wasmer: Die Kirche wird weiterleben; wie, weiss ich auch nicht. Wir müssen unser Möglichstes tun. Aber letztendlich ist es seine Kirche (zeigt mit der Hand nach oben). Zudem: Die Kirche besteht nun seit 2000 Jahren. Das hört nicht einfach so auf. Weil wir schrumpfen, werden wir vielleicht sogar agiler, finden schneller Lösungen.
Das bedingt einerseits Mitarbeit und Selbstverantwortung der Kirchenmitglieder, anderseits Offenheit der kirchlichen Hierarchie. Es gibt ja kirchenrechtliche Vorgaben.
Hecking: Auch in der Kirche der Zukunft wird kein Bischof, keine Gemeindeleiterin und kein Pfarrer als Chef bloss steuern, erlauben oder verbieten. Wir werden vielmehr von unten getragene Netzwerke haben, wie es sie ja schon gibt. All dies wird zu Auseinandersetzungen darüber führen, was noch dem Evangelium entspricht, was zur Kirche passt und was weniger. Die Diskussionen werden nicht aufhören.
Annegreth Bienz-Geisseler: Die Kirche muss mehr darauf schauen, was den Menschen dient, statt an starren Vorgaben festzuhalten. Es wird weniger Sonntagsgottesdienste geben, dafür andere Angebote. Doch dafür braucht es Menschen, die sich engagieren, die sagen: «Das will ich, das tut mir gut, hilfst du mit?» Wir müssen ihnen die Möglichkeiten dafür aufzeigen.
All dies wird zu Auseinandersetzungen darüber führen, was noch dem Evangelium entspricht, was zur Kirche passt und was weniger. Die Diskussionen werden nicht aufhören.Detlef Hecking
Zukunft Katholische Kirche im Kanton Luzern» –ZKKL – ist ein Grossprojekt. Wie setzt man so etwas um?
Bienz-Geisseler: Indem man sich Zeit gibt, selbst wenn man meint, keine zu haben, weil es so viele Herausforderungen gibt. Und auch mal zu sagen, dass wir etwas selbst nicht wissen.
Wasmer: Es geht darum, dass wir den Glauben künftig anders leben. Dass Strukturen aufgeweicht werden. Da ist die pastorale Kirche übrigens keineswegs stur und sagt: «Das geht nicht.» Wir ecken vielmehr auch in Kirchgemeinden an, wenn es um Veränderungen geht, es etwa keinen Priester mehr gibt, man zusammenarbeiten sollte usw. Ich glaube, wir werden an der konservativen Basis anstossen.
Bienz-Geisseler: Wichtig ist, die Unsicherheiten auszuhalten und Verständnis für andere Meinungen zu haben. Viele Menschen haben Angst, ihre kirchliche Heimat zu verlieren. Die Spannweite der Erwartungen an die Kirche ist gross. Wenn ich jemanden klagen höre, es gebe kommendes Wochenende in der eigenen Pfarrei erneut keine Eucharistiefeier, wage ich fast nicht zu antworten, dass dies künftig noch häufiger der Fall sein wird. Man muss lernen, loszulassen.
Was noch ausser den Sonntagsgottesdienst?
Wasmer: Diesen muss man kaum loslassen, weil er kaum mehr gefragt ist. Wer eine Eucharistiefeier will, findet einen Ort, wo eine solche stattfindet. Es ist auch eine Frage des Vertrauens: Darauf, dass es gut kommt, auch wenn es anders sein wird als heute. Unser Gottvertrauen ist oft so klein. Wir stossen uns an Äusserlichkeiten.
Hecking: Die Kirchenentwicklung ist auch ein Prozess, Glauben neu zu lernen. Glauben ist einerseits Beheimatung, andererseits Verunsicherung, Krise, Veränderung. Das sieht man schon in der Bibel: Abraham und Sara, das Volk Israel, Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern – das ist ein ständiger Aufbruch und Neuanfang.
Es ist enorm schwierig, loszulassen. Wir bewahren einfach gerne, was ist. Hanspeter Wasmer, Bischofsvikar
Welches sind die nächsten Schritte im Zukunftsprojekt?
Bienz-Geisseler: Die Handlungsfelder sind definiert, wir kommen jetzt in die Umsetzung. Am 20. Juni findet eine Startveranstaltung statt, zu der die Mitglieder der Kirchenräte und das pastorale Personal eingeladen werden. Ziel ist es, zu informieren und die Betroffenen zu Beteiligten zu machen.
Wasmer: Wir wollen die Menschen dazu bewegen, dort mitzuarbeiten, wo sie leben. Denn es wird kein Angebot an Lösungen geben, sondern überall eigene. Die Prozesse müssen vor Ort stattfinden. Wir stossen nur an und motivieren.
In den Pastoralräumen und Kirchenräten werden manche Menschen sagen: Uns fehlt das Personal, wir haben gar keine Zeit, die Kirche zu verändern.
Bienz-Geisseler: Es bleibt uns keine andere Wahl, als Veränderungen anzugehen, solange noch Menschen da sind. Wir brauchen diese unbedingt und müssen sie deshalb unterstützen. Der Personalmangel ist eine Chance, Neues zu entwickeln.
Hecking: Vor Ort, miteinander und in gutem Zusammenspiel im dualen System. Dafür wollen wir mit ZKKL Unterstützung anbieten. Ob es jetzt um verbesserte Zusammenarbeit in Teams geht, um regionale Projekte oder vielleicht um Zusammenlegung von Sekretariaten, Kirchgemeinden oder Pfarreien, liegt bei den Verantwortlichen vor Ort.
Wasmer: Es ist enorm schwierig, loszulassen. Die Liste der neuen Ideen ist stets länger als jene mit den Angeboten, die man einstellen könnte. Wir bewahren einfach gerne, was ist.
Die unterschiedliche Finanzkraft der Kirchgemeinden hemmt vielerorts die Entwicklung. Annegreth Bienz-Geisseler
Die Fusion von Kirchgemeinden innerhalb eines Pastoralraums kann schon daran scheitern, dass eine Kirchgemeinde befürchtet, damit finanziell schlechter zu fahren.
Hecking: Wenn dies zum Problem wird, müssen wir ins Evangelium schauen. Es gibt auch eine wirtschaftliche Solidarität. Wenn wir die Frage nicht auch auf dieser Ebene stellen, vergessen wir, was zur DNA unserer Gemeinschaft gehört.
Bienz-Geisseler: Die unterschiedliche Finanzkraft der Kirchgemeinden hemmt vielerorts die Entwicklung. Wenn Solidarität auch hier gelebt werden sollte, ist es damit dann oft nicht weit her. Die Landeskirche muss die Kirchgemeinden hier unterstützen, damit nicht Geld Entwicklung verhindert.
Das Zukunftsprojekt bürdet Menschen Mehrarbeit auf, die schon viele Abende und Wochenenden für die Kirche einsetzen.
Wasmer: Wenn wir von Müssen sprechen, funktioniert es nicht. Unsere Motivation soll sein: «Ihr dürft Teil der Kirchenentwicklung sein und daran mitwirken, wie die Kirche in Zukunft aussieht.» Im Vertrauen darauf, dass es gut kommt, und im Glauben an einen Gott, der uns begleitet. Es ist eine Einstellung: Sieht man nur das, was nicht geht, oder auch das, was gut ist?
Bienz-Geisseler: Es gibt in der Seelsorge wie in Kirchenräten engagierte Menschen, die darauf warten, dass ein Veränderungsprozess angestossen wird. Die Kirchenentwicklung ist oft die Motivation, ein Amt überhaupt auszuüben.
Was ist einfacher, Strukturen zu verschlanken oder neue Formen des Glaubenslebens durchzubringen?
Wasmer: Ich erlebe die staatskirchenrechtlichen Strukturen als viel hemmender als die kirchenrechtlichen Vorgaben, von der Sakramentenspendung einmal abgesehen. In der Seelsorge gibt es viele Möglichkeiten zu wirken. Die Kirchgemeinden jedoch haben alle den Blick auf ihren eigenen Ort, die Aufgaben sind definiert, da wird es mitunter eng.
Bienz-Geisseler: Wir haben klare Strukturen mit einer Verfassung und Gesetzen. Bei Unsicherheit kann man sich rechtlich darauf berufen. Die Landeskirche kann nicht kommen und sagen: «ihr müsst», wenn die gesetzlichen Grundlagen dazu fehlen. In diesen Situationen können wir nur motivieren. Wenn die Menschen von einem Weg überzeugt sind, gehen sie diesen auch.
Die Kirche von morgen
«Zukunft Katholische Kirche im Kanton Luzern» (ZKKL) ist ein Projekt des Synodalrats und der Bistumsregionalleitung zur Kirchenentwicklung. Ziel: Die Kirche zukunftsfähig machen, trotz sinkender Mitgliederzahlen, Personalmangel und schwindender Mittel. Das 2025 gestartete Projekt geht 2026 an die Öffentlichkeit. Am 20. Juni findet in Sursee eine Grossveranstaltung für Mitglieder von Kirchenräten und Seelsorgeteams statt.
Projekte zur Kirchenentwicklung gibt es auch in anderen Kantonen: «dual kongruent» im Thurgau (Start 2022), «Fit für die Zukunft» im Aargau (Start 2025) sowie in Bern (kein Name, Start 2026). Überall geht es darum, wie das kirchliche Leben trotz schwindender Mitgliederzahlen, Personalmangel und sinkender Mittel künftig aussehen kann.