Religion kann vor Ängsten schützen
Eine Studie untersucht den Wertewandel der letzten Jahrzehnte und seine Folgen für die psychische Gesundheit. Die Erkenntnisse zu jungen Leuten sind überraschend.
Religion ermöglicht jungen Menschen Gemeinschaftserfahrungen. Im Bild: Weltfamilientag 2023 in Einsiedeln. | Bild: Weltfamilientreffen
Religiöser Glaube ist laut einer neuen Studie ein entscheidender Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Länder, in denen Religiosität stark an Bedeutung verloren hat, weisen demnach einen vergleichsweise hohen Anstieg von Angststörungen auf. Ein Team des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit der Ruhr-Universität in Bochum hat dafür Daten aus 70 Ländern auf allen Kontinenten zwischen 1989 und 2022 analysiert.
Grundlage der Analyse waren Gesundheitsdaten zur Häufigkeit von Angststörungen bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen in den betreffenden Ländern. «Darüber hinaus flossen Kulturdaten des World Values Survey in die Untersuchung ein. Dieses globale Netzwerk der Sozialwissenschaft beschäftigt sich mit dem Wandel von kulturellen Werten und deren Auswirkungen auf das politische und soziale Leben», heisst es in der Mitteilung der Universität.
Eigenständigkeit und Individualität
In westlichen Ländern gelte es zunehmend als wünschenswert, die Eigenständigkeit und Individualität von Kindern zu fördern. Dieser Perspektivenwechsel könne die Entstehung von Ängsten bei Kindern und Jugendlichen in diesen Ländern womöglich begünstigen, so die Analyse.
Über alle Kontinente hinweg sei insbesondere eine Abnahme an Religiosität in der Erziehung der entscheidende Risikofaktor für Angststörungen. «Vermutlich, weil Religiosität das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert und dem Leben eine Richtung gibt», so Mitverfasser Leonard Kulisch laut Mitteilung. Wo Religion als Ressource allmählich verschwinde, entstehe möglicherweise eine Lücke. «Familien sind einsamer, haben ein weniger stabiles soziales Netzwerk und Routinen im Alltag fallen weg.» Solche Voraussetzungen seien aber zentral dafür, dass Kinder psychisch gesund aufwachsen.
Aktivität in Vereinen als Ersatz
Vor diesem Hintergrund liefere die Studie wichtige Anknüpfungspunkte für Eltern und gesellschaftliche Haltungen, so die Ruhr-Uni. «Individualität und Eigenständigkeit sind in den bestehenden Wirtschaftssystemen sinnvoll, um im Wettbewerb zu bestehen und Innovationen zu fördern», so Kulisch. «Doch in westlichen Ländern hat die Ausprägung dieser Werte das gesunde Mass überschritten.»
Da Religion als Quelle von Gemeinschaft und Sinn in der Erziehung vielerorts an Bedeutung verliere, werde es zunehmend wichtig, alternative Wege zur Förderung dieser Schutzfaktoren bei Kindern zu stärken. «Aktivität in Vereinen und Gruppen sowie zivilgesellschaftliches Engagement könnten wichtige Faktoren sein, um der Entstehung von Angststörungen entgegenzuwirken.» Auch Kitas und Schulen sollten gezielt daran arbeiten, die Gemeinschaft von Kindern und Jugendlichen in den Einrichtungen zu fördern.
Auch Aktivitäten in der Jubla können das Gemeinschaftsgefühl bei Kindern stärken. Im Bild: Jubla-Pfingstlager 2025. | Bild: Jubla Schweiz