Tiefe Gräben wurden sichtbar

Für mich geht eine aufregende und strenge Woche zu Ende. Im Auftrag der Schweizer Bischöfe und der Römisch Katholischen Zentralkonferenz, RKZ durfte ich Teil der Online-Delegation sein, die in der Propstei Wislikofen bis gestern die kontinentale Versammlung des Synodalen Wegs zur Erneuerung der Kirche in Prag begleitete.

Von Simon Spengler |  14.03.2023

«Die Gräben in der Kirche lassen sich nicht länger fromm übertünchen», sagt Simon Spengler über die synodale Versammlung in Prag. Bild: unsplash

Vier Tage verfolgten wir fast pausenlos auf unseren Laptops die Berichte in Prag und beteiligten uns an verschiedenen internationalen Online-Diskussionsforen, die begleitend zum physischen Treffen in Prag stattfanden. Dank mangelnder Bewegung und dem tollen Essen in der Propstei nehme ich mindestens ein Kilo zusätzliches Fettpolster mit nachhause, vor allem aber auch geistlich-intellektuelle und theologische Impulse – und Einblicke in kirchliche Machtpolitik, die immer wieder sprachlos machen. Zu Letzterem später mehr.

Zuerst soll das Positive stehen: Berichte aus dem kirchlichen Leben aus 39 europäischen Ländern zu hören vom Nordkap bis Zypern und Portugal bis Russland ist schon per se eine enorme Bereicherung. Auch wenn organisatorisch manches am Anfang nicht gleich geklappt hat, so will ich der Vorbereitungsgruppe ein Kompliment aussprechen. Angesichts der immensen Aufgabe und der begrenzten finanziellen Mittel war das Resultat eindrücklich. Das muss der Kirche erst mal jemand nachmachen! Wenn sich die Superreichen und Mächtigen zum WEF in Davos treffen, gibt es zwar einen riesigen Medienrummel. Was aber wirklich in den Hinterzimmern bei Champagner und Kaviar diskutiert wird, erfährt die Öffentlichkeit kaum – geschweige denn, dass sich Bürgerinnen und Bürger an den Diskussionen beteiligen könnten. Das war in Prag anders.

Prag ist kein Grund, in Euphorie auszubrechen!
Simon Spengler

Doch Prag ist kein Grund, in Euphorie auszubrechen! Vor allem wurde in den letzten Tagen auf drastische Weise deutlich, wie tief die Gräben in unserer Kirche sind und wie gegensätzlich interpretiert wird, was «Synodale Kirche» sein soll. Bildhaft zeigte sich das gleich zu Beginn: An der Wand das riesige Logo, davor auf dem Podium sieben grauhaarige und schwarz gekleidete Männer mit Kalkleiste. Schon rein optisch konnte der Widerspruch nicht deutlicher demonstriert werden.

Analoges bei den morgendlichen Gottesdiensten: Zwei Drittel der Sitzreihen im Saal besetzt von Männern mit priesterlichen Alben und Stolen, hinten die Laien. Und das in grösster Selbstverständlichkeit. Was soll da synodal sein? Mit einer Ausnahme! Der Präsident der deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, verweigerte sich diesem klerikal-liturgischen Maskenball. Er blieb in dunklem Anzug hinten beim Volk, trat gemeinsam mit diesem zur Kommunion, wodurch die Zuschauer sehen konnten, dass es auch anders gehen würde. Er blieb eine einsame Ausnahme.

Immer wieder wird die Teilhabe und Akzeptanz von queeren Menschen angemahnt.
Simon Spengler

Soviel zur Optik. Mit noch mehr Sorgenfalten nahm unsere Gruppe in Wislikofen die inhaltlichen Spannungen wahr, die in Prag offen zu Tage traten. Während für die einen Gott auch unsere moderne säkulare Welt liebt und sich hier zeigt, ist sie für andere vom Teufel und nur eine Gefahr für den katholischen Glauben.

Während 'Einbezug der Jugend' für die einen bedeutet, junge Menschen mit ihren Werten und Hoffnungen Raum in der Kirche zu geben und sie in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, verstehen andere darunter, Jugendliche wieder «mehr in die Kirche zu schicken» und den Religionsunterricht zu verstärken.

Während einige unter «Teilhabe von Frauen» auch Teilhabe an den kirchlichen Ämtern und Entscheidungsfunktionen verstehen, betonen viele die «besondere Aufgabe» der Frauen ausserhalb von Hierarchie und Weiheämtern.

Während wenige darauf hinweisen, dass eine echte synodale Kirche auch das Priester- und Bischofsamt neu ausgestalten müsse, beschwören nicht wenige, eine Kirche ohne die führende Rolle der Bischöfe und Priester breche zusammen und gerate zur Anarchie. Immer wieder wird die Teilhabe und Akzeptanz von queeren Menschen angemahnt, mindestens so oft aber auch erklärt, sie lebten in Sünde und gegen Gottes Schöpferwille.

Wie das alles unter einem Dach zusammenpassen soll, bleibt mir ein Rätsel. Vor allem aber frage ich mich, wer denn am Schluss darüber entscheidet, wie es weitergehen soll. In Prag wurden die Laien gestern verabschiedet, heute diskutieren die Bischöfe alleine ohne Öffentlichkeit das Schlussdokument, das dann mit den Papieren der anderen Kontinente an der Weltsynode besprochen werden soll.

Auch der Papst muss endlich erklären, was er denn unter Synodalität versteht.
Ein deutscher Bischof

 

Alle tragen permanent die hohle Phrase des «gemeinsam unterwegs» vor sich her, aber wer entscheidet über die Richtung? Oder drehen wir nur im Kreis, was ja auch eine Form des Unterwegs-Seins wäre? In meiner Online-Diskussionsgruppe meinte ein bekannter deutscher Bischof: «Wir hauen uns dauernd fromme Sauce um die Ohren, kommen aber nie konkret in die Pötte. Auch der Papst muss endlich erklären, was er denn unter Synodalität versteht.» Welcher Bischof das sagte, werde ich natürlich nicht verraten. Sein Frust über die jüngste Erfahrung beim Ad-limina-Besuch im Vatikan war unüberhörbar, wo die deutschen Bischöfe wie Ministranten zusammengestaucht wurden. Von «Synodalität» keine Spur!

Hilfreich war das Statement der Schweizer Delegation in Prag, die mit unseren Erfahrungen hier mit dem dualen System aufzeigte, wie Entscheidungsprozesse künftig auch auf gesamtkirchlicher Ebene ablaufen könnten. Uns in Wislikofen hat beschäftigt, dass viel über Jugend geredet wurde, aber keine Jugendlichen zu Wort kamen; viel über Missbrauch, aber keine Missbrauchs-Opfer; viel über Frauen, aber keine Frauen-Gruppen. Unverständnis bei uns auch über die Auswahl der Gäste, die in Prag zu Wort kommen durften: ausnahmslos (!) Leute aus konservativen kirchlichen Bewegungen, nicht ein einziger Gast aus einer kirchlichen Reformgruppe. So kann man natürlich auch Stimmung machen.

Die Kirche kann nicht hinter Prag zurück.
Simon Spengler

 Was bleibt mir? Hoffentlich nicht nur eine schöne Erfahrung von zehn ausgewählten Menschen in Wislikofen. Hoffentlich mehr! Zumindest auch dies: Die Gräben in der Kirche wurden ungeschönt sichtbar, sie lassen sich nicht länger fromm übertünchen. Von einer Lösung sind wir weit, weit entfernt, nicht mal ein Weg zur Lösungsfindung zeichnet sich ab. Ob diese in allen Fragen immer für alle Teilkirchen genau gleich aussehen muss, wird die Weltsynode befinden müssen. Und zumindest auch dies: Die Kirche kann nicht hinter Prag zurück, genauso, wie sie sich jetzt immer an ihrem selbst deklarierten Anspruch messen lassen muss, synodale Kirche sein zu wollen.

Zum Abschluss meiner Eindrücke sei nochmals Bischof Bätzing zitiert: «Wir haben in Prag kein kirchliches Pfingsten erlebt, wir sind noch im Abendmahlssaal.» Der Verrat des Judas und des Petrus und Karfreitag stehen noch bevor! Die Hoffnung auf Ostern und Pfingsten ist noch sehr vage: die Hoffnung auf eine synodale Kirche, in der das, was alle angeht, auch von allen beraten und von allen entschieden wird.

Erstpublikation im Newsletter "Grüss Gott" der Katholischen Kirche im Kanton Zürich.