Träume in der Bibel und im Christentum
Theologin und Kirchenhistorikerin Veronika Kanf spricht über Jakobs Himmelsleiter, Josefs Engel und heutige Gotteserfahrungen im Schlaf.
Jakobs Traum von der Himmelsleiter ist der erste Traum, der in der Bibel erzählt wird. Bild: William Blake, Jakobsleiter, um 1805/Wikimedia Commons
Träume begegnen uns in der Kunst, Literatur, Musik und auch in der Bibel. Im Alten Testament träumt Jakob von einer Himmelsleiter, auf der Engel auf- und absteigen. Gott steht oben und verheisst Jakob Schutz und Land. Was sagt uns dieser Traum?
Veronika Kanf*: Dieser Traum ist spannend, weil er der erste ist, der in der Bibel erzählt wird, und dies sehr konkret. Jakob flieht nach einem Streit mit seinem Bruder und man könnte meinen, dass Gott und er gerade keine gute Beziehung haben. Doch das Gegenteil geschieht: Jakob erlebt im Traum eine lebendige Gottesbegegnung, spürt Gottes Zuversicht und Begleitung.
Und wofür steht die Himmelsleiter?
Im Hebräischen ist mit «Himmelsleiter» eher eine Treppe mit Stufen gemeint. Dieses Bild habe ich mal mit einer Schulklasse besprochen und gefragt, wie man Gott auf dieser Treppe näherkommen kann. Die Antworten waren sehr berührend – nicht nur «beten» oder «die Gebote einhalten», sondern auch «anderen helfen» oder «Zeit mit der Familie oder den Grosseltern verbringen». So wird ein Traum aus dem Alten Testament plötzlich alltagsnah.
Wie oft werden überhaupt in der Bibel Träume erzählt?
Etwa zwanzig Mal. Hätten sie eine ganz zentrale Bedeutung, gäbe es wohl mehr davon. Dennoch: Träume markieren immer wieder Schlüsselmomente im Leben der Menschen.
Beispielsweise auch im Matthäus-Evangelium, als Josef im Traum von einem Engel erfährt, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger ist?
Ja. Wie bei Jakob im Alten Testament erlebt Josef im Schlaf eine Gottesbegegnung und erhält eine Botschaft. Gott hat für ihn einen Plan, der seine Vorstellungskraft in diesem Moment komplett übersteigt. Als Theologin nehme ich aus diesem Traum mit: Wie auch immer wir unser Leben planen – Unsicherheit und Veränderungen müssen wir aus der Hand geben.
Was unterscheidet einen Traum von einer Vision?
Träume geschehen nachts im Schlaf. Die Nacht ist in der biblischen Sprache stets ein Ort der Gottverlassenheit. Hier sagt uns der Traum: Gott ist da, auch nachts oder wenn wir ihn in Momenten der Gottesferne nicht zu erkennen vermögen. Visionen hingegen können im Wachzustand auftreten. In der Bibel sind sie übrigens viel häufiger zu finden und auch in der Kirchengeschichte spielen sie eine grössere Rolle.
Gibt es auch Gemeinsamkeiten?
Ja, und das sorgt auch für Kritik: In beiden Fällen ist die Überprüfbarkeit schwierig. Schon in der Bibel gab es Diskussionen darüber, wer ein:e wahre:r Prophet:in sei und wer nicht. Und das hat an Aktualität nicht verloren. Auch heute stellt sich die Frage: Wem glauben wir? Welchen «Prophet:innen» laufen wir nach? Und wo ist unsere Kritik gefragt?
Hat sich die Deutung von Träumen im Lauf der Kirchengeschichte verändert?
In den ersten Jahrhunderten nach Christus wurden Träume positiv betrachtet. Mit dem Mönchstum änderte sich das. In Träumen erlebte man die Begegnung mit Dämonen und deutete sie als Versuchung, die Menschen vom Leben mit Gott fernzuhalten. Im Mittelalter wurden Visionen wichtiger. Spannend ist, dass wir ab dem 12./13. Jahrhundert vermehrt von Frauen lesen, die Visionen haben. Visionen erlaubten vielfältigere Formen von Gotteserfahrungen, welche sich auch durch Farben, Lichter oder Klänge ausdrücken. Frauen konnten sie möglicherweise besser beschreiben. Das ist jedoch eine gewagte Theorie, die wissenschaftlich noch nicht belegt ist.
Was passiert mit den Träumen in der Reformationszeit?
Die reformatorischen Bewegungen – lutherisch wie reformiert – lehnten übertriebene Frömmigkeit und mystische Erfahrungen ab. Sie konzentrierten sich viel mehr auf die Auslegung von biblischen Träumen. Im barocken Katholizismus hingegen blühten Visionen und Träume weiter. In Zeiten von Krieg, Pest und Not suchten Menschen Orte der Heilszusage Gottes. So entstand fast in jedem Dorf ein kleiner Wallfahrtsort.
Im 16. Jahrhundert erschien dem gichtkranken Jakob Minder im luzernischen Luthern Bad im Traum die Muttergottes und gab ihm den Rat, hinter seinem Haus nach Wasser zu graben. Er tat dies und wurde geheilt. Haben also Wallfahrtstraditionen weniger mit einem Wunder als vielmehr mit dem Zeitgeist zu tun?
Rückwirkend ist es schwierig, Menschen eine wunderhafte Erfahrung abzusprechen. Bemerkenswert ist, dass jemand einem Traum folgt, daraus Hoffnung schöpft und einen Wallfahrtsort begründet. Dieser Glaube und Gehorsam gegenüber einem Traum macht uns heute eher stutzig. Doch in der damaligen Zeit, als in den Predigten mit Höllenstrafen gedroht wurde, boten solche Wallfahrtsorte Sicherheit und Trost.
Warum sind Wallfahrtsorte wie Einsiedeln oder Luthern Bad bis heute beliebt?
Zum einen wegen der einmaligen Sakrallandschaften und der wunderschönen barocken Kirchen wie jener in Einsiedeln. Zum anderen, weil Wallfahrten lebendige Traditionen sind, die über Generationen weitergegeben werden. Und eine Wallfahrt ist auch heute eine bewusste Unterbrechung des Alltags. Wir nehmen wir uns einen Raum für Sinnsuche und Spiritualität. Das erklärt auch den Erfolg des Jakobswegs.
Glauben Sie, dass Gott heute noch im Traum zu uns spricht wie bei Jakob oder Josef?
Ja, Gottesbegegnungen geschehen heute wie damals. Sie sind überall möglich und sehr individuell. Ich erinnere mich an eine Mutter, die in einem Gottesdienst in Rom erzählte, wie ihr schwerkrankes Kind nach regelmässigen Gebeten zur Gottesmutter geheilt wurde. Ob man das Wunder nennt oder nicht – der Glaube hat dieser Familie Kraft gegeben und sie durch eine schwere Zeit getragen.
Viele Menschen würden einem eigenen Traum mit Gotteserfahrung wohl nicht glauben. Bedauern Sie diese Skepsis?
Nicht unbedingt. Skepsis schützt auch. Viele Traumerzählungen entstanden in Zeiten, wo man keine Erklärungsmuster mit tiefenpsychologischen Zugängen hatte. Wenn negative, angstvolle Träume immer wiederkehren, sollten wir das als Zeichen psychischer Belastung ernst nehmen und nicht als Traum in einem spirituellen Sinn verklären. Dennoch finde ich die Haltung von Hildegard von Bingen inspirierend. Die Universalgelehrte aus dem Mittelalter hatte zahlreiche Visionen, auch mitten im Alltag. Sie ruft uns dazu auf, der Gottesbegegnung Raum zu geben – im täglichen Leben, im Gebet oder vielleicht auch im Traum.
Spielen Träume in Ihrem persönlichen Glaubensleben eine Rolle?
Kanf: Eine unmittelbare Gotteserfahrung im Traum hatte ich bis jetzt nicht. Ich erfahre Gott oftmals in kleinen Dingen. Beim Wandern kann der Blick in die Berge etwas sehr Kraftvolles sein. Ein Gespräch kann plötzlich eine Tiefe und Qualität annehmen, die ich rational nicht mehr fassen kann. Das sind für mich Augenblicke der Nähe zu Gott. Gott kann überall erfahrbar sein. Herauszufinden, wo das geschieht, macht die Sache mit dem Glauben doch recht spannend, finde ich.
*Veronika Kanf ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Universität Luzern.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin «Zenit» von Pro Senectute Luzern.