«Wahrheit ist kein fertiges Gebäude»

Am Pfingstmontag ist die erste Enzyklika des aktuellen Papstes erschienen. 
An dem Schreiben sei vieles bemerkenswert, sagt die Sozialethikerin 
Ursula Nothelle-Wildfeuer.

Von Elisabeth Zschiedrich (Erstpublikation im «pfarrblatt» Bern) |  24.06.2026

Papst Leo XIV. unterzeichnet die Enzyklika «Magnifica humanitas – über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz». | Bild: Vatican Media / Romano Siciliani / KNA

Die Enzyklika trägt den Titel «Magnifica humanitas», auf Deutsch «grossartige Menschheit». Sie sagen, schon der Titel sei ein Statement. Warum? 
Ursula Nothelle-Wildfeuer:
In den Debatten über künstliche Intelligenz entsteht oft der Eindruck, als stünde die Menschheit praktisch vor dem Untergang, als übernehme im dramatischsten Fall KI die Herrschaft über die Menschen. Papst Leo sagt das Gegenteil: Die Menschheit ist grossartig – auch, weil sie diese Technologie entwickelt hat, aber vor allem, weil jedem Menschen eine Würde zu eigen ist. 

Bei der Veröffentlichung wurde die Enzyklika als eine Art «Regierungserklärung» des Papstes bezeichnet. Ist sie das? 
Die Enzyklika zeigt, dass Leo die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellt und zugleich auch deren Verletzlichkeit. Eines der zentralen Themen seines Pontifikats ist offensichtlich die Frage nach dem Frieden. Der Papst nimmt die Zeichen der Zeit wahr und bezieht sie in sein Pontifikat ein, das zeigt auch das Thema KI. 
Papst Leo XIII. veröffentlichte 1891 die erste Sozialenzyklika. Er reagierte damit auf die Folgen der Industrialisierung, auf die Ausbeutung der Arbeiter und die Massen­armut. Sehen Sie Parallelen zu heute?
KI stellt eine vergleichbare epochemachende Umwälzung dar. Sie betrifft alle Gebiete menschlichen Lebens, alle gesellschaftlichen Gruppen, und sie rührt grundsätzlich an unser Verständnis des Menschen und der Menschheit. Mit seiner Namenswahl hat Leo schon eine Art Versprechen abgegeben, sich den damit verbundenen Herausforderungen zu widmen.

Der Wahrheitsbegriff steht im KI-Zeitalter besonders unter Druck. Sie sagen, Papst Leo rahme den Begriff bewusst politisch. Wie meinen Sie das?
Für Leo ist Wahrheit ein Gemeingut des demokratischen Lebens. Das heisst: Wer die Wahrheit untergräbt – mit Fake News, Deep Fakes oder polarisierenden Narrativen –, der untergräbt auch die Demokratie. Ausserdem kann es Wahrheit für Leo nur geben, wo Verantwortung und Vertrauen bestehen. Das heisst, Wahrheit muss verhandelt werden. Sie ist kein fertiges Gebäude aus dogmatischen Grundsätzen, die wir einfach umsetzen oder verkündigen sollen. Es ist bemerkenswert, dass ein Papst das so schreibt. 

Auch dass ein Papst sich ausführlich dem Freiheitsbegriff widmet, ist neu.
Ja, er spricht von der Freiheit, sich zu bilden, das eigene Gewissen zu schulen und anhand eigener Erfahrungen und vernünftiger Überlegungen zu argumentieren. Diese Sicht auf die Freiheit war auf Seiten des kirchlichen Lehramts bisher nicht sehr präsent. Leo sieht die Freiheit durch KI in zweierlei Hinsicht bedroht. Zum einen fragt er, ob beim Abbau der seltenen Erden nicht Menschen, vor allem Kinder, neu versklavt werden. Ausserdem weist er auf die Gefahr der Abhängigkeit hin, die digitale Plattformen mit sich bringen. 

Eine in vielen Kommentaren zitierte Formulierung aus der Enzyklika ist die Forderung Leos, die «KI zu entwaffnen». Ist das überhaupt noch möglich?
Dass KI in kriegerischen Kontexten eingesetzt wird, lässt sich wohl nicht mehr rückgängig machen. Aber Leo sagt, man darf die KI nicht sich selbst überlassen. Sie muss lebensfreundlich eingesetzt werden. In einem Krieg könnte das heissen, mit Hilfe von KI zumindest zivile Opfer zu vermeiden. Niemals dürfen Maschinen über Leben und Tod bestimmen. Es gilt die Formel «human in the loop», das heisst, wenn es um diese Entscheidungen geht, muss immer ein Mensch beteiligt sein. 

Künstliche Intelligenz ist im Vatikan schon lange ein Thema. Es wurde eine KI-Kommission eingerichtet, Leitlinien für den Umgang mit KI gibt es bereits. Wie schätzen Sie den Einfluss dieser Massnahmen ein?
Der Vatikan geht mit gutem Beispiel voran. Wenn man in die Geschichte schaut, ist das nicht selbstverständlich. Der Vatikan setzt bereits das um, was der Papst für alle Staaten fordert: die Einführung von Regulierungsinstrumenten und einer unabhängigen Aufsicht. Es ist allerdings offen, wie das umgesetzt werden kann, vor allem in Ländern, die nicht oder nicht mehr demokratisch geführt werden. 

Ursula Nothelle-Wildfeuer (*1960) ist Professorin für Christliche Gesellschaftslehre und Sozialethik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. Sie forscht unter anderem zu Fragen von Kirche und Religion in Staat und Gesellschaft, zu Rechtspopulismus und der Tradition der kirchlichen Sozialverkündigung.

«Die KI entwaffnen»

«Magnifica humanitas» – grossartige Menschheit – heisst die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., die am Pfingstmontag vorgestellt wurde. (im Wortlaut hier). Der Papst stellt darin die Soziallehre der Kirche im Zeitalter der künstlichen Intelligenz in den Mittelpunkt. Dass der Papst bei der Vorstellung eines kirchlichen Lehrschreibens selbst an­wesend war und sprach, war erstmalig. «Mehr Nachdruck konnte Leo XIV. seinem Anliegen nicht geben», kommentierte dazu die NZZ. «Magnifica humanitas» treffe den Nerv der Zeit. Angesichts einer nahezu unkontrollierten Ausbreitung der KI, die seit einigen Jahren die Gesellschaft, die globale Wirtschaft und das Leben des Einzelnen umpflügt, suchten viele Menschen nach ethischer Orientierung. 
Da kommt selbst die linke «Wochenzeitung» (WOZ), die ansonsten mit der katholischen Kirche fremdelt, zum Schluss: «Der Papst hat recht.»

Weitreichende Auswirkungen

Leo ruft in «Magnifica humanitas» dazu auf, «eine grossartige Menschheit, in der Gott gegenwärtig ist», zu bewahren und Wahrheit, Würde der Arbeit, soziale Gerechtigkeit sowie Frieden zu fördern. Im digitalen Zeitalter sei es notwendig, die künstliche Intelligenz zu «entwaffnen».

Deren Auswirkungen sieht der Papst als «vielleicht noch weitreichender» als die der Industrialisierung. KI durchdringe heute viele Lebensbereiche, beeinflusse Entscheidungen und verändere die Kriegsführung «dramatisch», zeigt sich Leo XIV. beunruhigt. Für seine ­Enzyklika habe er Wissenschaftler, Ingenieure, Politiker, Eltern und Lehrer gehört, so der Papst bei der Enzyklika-Vorstellung. Dabei habe er verstanden, dass KI-Technologien «immenses Leid lindern», aber auch «zutiefst beunruhigende» Folgen haben können.

Vatican News, Dominik Thali