Wie eine Bauernfamilie Zukunft sät
Für die Ernährung im Globalen Süden spielt Saatgutvielfalt eine zentrale Rolle. Wie können Konsument:innen in der Schweiz zu dieser Vielfalt beitragen? «Ganz einfach», sagt ein Bauer aus Richenthal.
Hier spriessen auch Ideen: Der Katzhof in Richenthal. | Bild: Matteo Hug
Lokal angepasstes Saatgut hilft, die Folgen des Klimawandels zu bewältigen, bedeutet Ernährungssicherheit und verbindet Generationen. Darum geht es dieses Jahr in der Ökumenischen Kampagne zur Fastenzeit. Motto: «Zukunft säen». Das hat viel auch mit Landwirtschaft und Konsum hierzulande zu tun, wie ein Besuch bei Bauer Markus Schwegler Meierhans auf dem Katzhof zeigt. Er bringt alternative Anbaumethoden auf den Acker und seine Kundschaft in den Garten.
«Ein Experiment»
Es ist Winter in Richenthal. Unter einer dünnen Schneeschicht schlummern die Dinkelpflanzen – könnte man meinen. Doch unterirdisch graben sich die Wurzeln ins Erdreich, bis zu den wertvollen Nährstoffen im reichen Ackerboden.
Den Samen hat Markus Schwegler Meierhans gesät. Ein unkonventioneller Landwirt: «Der Katzhof ist ein grosses Experiment», erklärt er und lacht. Das orange Demeter-Siegel prangt am Scheunentor, das Gemüsefeld ist ein Gemeinschaftsgarten. Bewässerungskanäle schlängeln sich durch den Acker. Vier Katzen streichen um die Beine des Katzhof-Bauern. Hat er sich mit dem 17,5 Hektaren grossen Hof in den Hügeln zwischen Dagmersellen und Pfaffnau einen Bubentraum erfüllt? Der 46-Jährige schüttelt den Kopf. «In jungen Jahren hatte ich andere Pläne.» Der gebürtige Buttisholzer besuchte die Jazzschule und war später als Arbeitsagoge tätig. Gemeinsam mit Ehefrau Claudia Meierhans (47), die auf dem Katzhof in Richenthal aufgewachsen ist, lebte er in der Stadt. Dann packte das umweltbewusste Paar die Landlust: «Wo nachhaltig etwas verändern, wenn nicht am Anfang der Wertschöpfungskette?» Seit 2015 gehen die beiden mit dem Katzhof neue Wege – und haben nicht nur den Acker umgegraben.
«Leider geht die Sortenvielfalt weltweit stark zurück»: Markus Schwegler auf seinem Gemüsefeld. | Bild: Matteo Hug
Gemeinsam graben
Weg von der Milchwirtschaft hin zur Mutterkuhhaltung. Keine chemischen Pflanzenschutzmittel, kein synthetischer Dünger. Der Gemüseanbau wurde zum neuen Haupterwerb. An der Eckbank in der gemütlichen Küche des Bauernhauses beginnt Markus Schwegler zu philosophieren. «Der Lauf der Natur und unser Wirtschaftssystem passen nicht zusammen. Es ist Zeit für ein Umdenken.» Deshalb verfolgt Familie Meierhans auf dem Katzhof das Konzept der solidarischen Landwirtschaft: Kund:innen schliessen ein Gemüse-Abo ab – zweimal im Monat stellt Schwegler ihnen eine Tasche mit frischer Ware vom Feld direkt vor die Haustür. Im Abo inbegriffen: die Möglichkeit, von Zeit zu Zeit auf dem Hof mitanzupacken. «Wenn Kund:innen bei 35 Grad neben mir im Rüeblifeld graben, verändert sich ihre Beziehung zu uns und zum Produkt.» Die Verbindung wiederherzustellen gelingt: «Kinder, die beim Ernten mithelfen, sind leichter für Gemüse auf dem Teller zu begeistern – auch wenn das beim eigenen Nachwuchs noch nicht so gut klappt.» Der Vater von Mael (9) und Anna (6) schmunzelt.
Saatgut bedeutet Macht
Bevor der Bauer erntet, muss er säen. Sein Saatgut bezieht Markus Schwegler von der Sativa Rheinau AG, einer der führenden Anbieterinnen von Bio-Saatgut in der Schweiz. «Die Sativa bietet eine breite Palette, die zu unseren lokalen Gegebenheiten passt.» Auf dem Katzhof wachsen auch seltene Sorten, die anderswo kaum noch angebaut werden. Der Gedanke dahinter: «Genetische Vielfalt bedeutet Resilienz.» Verbreiten sich Krankheiten unter einer bestimmten Sorte, fehlen ohne andere Sorten Ausweichoptionen.
«Leider geht die Sortenvielfalt weltweit stark zurück», sagt Schwegler. Sorgenfalten zeigen sich zwischen den Brauen des Bauern. «Gerade meine Kolleg:innen im Globalen Süden werden immer abhängiger vom Saatgut der Firmen Bayer und Syngenta. Genmanipuliertes, hybrides Saatgut, aus dessen Ertrag keine neuen Samen gewonnen werden können, bindet die Produzent:innen an die Agrochemie-Riesen.» Nicht nur alte, den örtlichen Bedingungen angepasste Sorten gehen dabei verloren. Auch über Generationen weitergegebenes Wissen über Natur und Anbaumethoden verschwindet. «Saatgut bedeutet Macht», sagt Markus Schwegler. «Sie gehört zurück in die Hände der Bauern.»
Visionen keimen lassen
Doch was können Konsument:innen gegen dieses Ungleichgewicht tun? Es sei «ganz einfach», sagt Markus Schwegler und atmet tief ein. «Kaufe auf einem Bauernhof in deiner Nähe ein, der auf die Natur Rücksicht nimmt.» Zwischen der Tomate aus dem Gewächshaus in Andalusien und der vom Hof nebenan bestehe nicht nur geschmacklich ein Unterschied: «Aus dem Boden zieht Gemüse wertvolle Mineralien.» Hier zeichnet Markus Schwegler die Grenze zwischen Nahrungs- und «Lebensmittel». «Weg von der Industrie, zurück zur Natur.» Zwar dächten viele Schweizer Landwirt:innen um. «Doch leider lässt die Schweizer Agrarpolitik Visionen wenig Raum zum Keimen.»
Schweglers Blick schweift aus dem Küchenfenster, über Hügel, Wald und Acker zum Gemeinschaftsgarten. Nicht nur für Dinkel, Federkohl und Brok-
koli bietet der Katzhof Nährboden. Auch neue Ideen können hier oben ungestört spriessen.
Neue Kampagne nimmt Saatgut in Blick
«Zukunft säen»: Unter diesem Titel richtet die Ökumenische Kampagne dieses Jahr den Blick auf das Recht von Bäuerinnen und Bauern, Saatgut frei zu nutzen. Im Globalen Süden sind viele von internationalen Agrochemie-Unternehmen abhängig.
Die Kampagne, getragen von Fastenaktion und HEKS, dauert von Aschermittwoch (18. Februar) bis Ostern (5. April). Vielfältiges, lokal verwurzeltes Saatgut spiele «eine entscheidende Rolle» für die Ernährungssicherheit im Globalen Süden, heisst es im Kampagnenbeschrieb. Sie mache Gemeinschaften widerstandsfähiger gegen den Klimawandel und stärke ihre Zukunftschancen.