Willkommen sein und Hilfe bekommen

Vor zehn Jahren wurde in Luzern das Hello Welcome gegründet – ein Ort, wo Menschen mit Fluchterfahrung sich treffen und Unterstützung holen können. Heute engagieren sich viele Geflüchtete selbst als Freiwillige.

Von Sylvia Stam |  29.01.2026

Wer eine Frage zur deutschen Sprache, zu einem Behördenformular oder einer Bewerbung hat, findet im Hello Welcome Menschen, die Unterstützung bieten. Links: Co-Geschäftsleiterin Barbara Müller. | Bild: Franca Pedrazzetti

Es herrscht reger Betrieb im Hello Welcome an diesem Donnerstagnachmittag im Dezember. An rund zehn Tischen sitzen Gruppen von bis zu sechs Personen, manche mit Laptop, viele mit Büchern, Blättern und Heften vor sich. Eine ältere Frau sitzt mit einem deutlich jüngeren Mann über ein Arbeitsblatt gebeugt. «Du musst alle Wörter mit dem Artikel der blau anmalen», erklärt sie ihm die Aufgabe. Das Arbeitsblatt hat er aus dem Deutschkurs, den er extern besucht, mitgebracht. 

Rund 100 Freiwillige

Es dauert keine fünf Minuten, da wird auch die Journalistin von einem jungen Mann angesprochen: «Haben Sie Zeit? Ich brauche Hilfe beim Deutsch.» So funktioniert das im offenen Treff des Hello Welcome: Wer eine Frage hat, sucht sich eine Person, die ihm helfen kann, diese zu beantworten. Viele Migrant:innen kämen mit ihren Hausaufgaben aus Deutschkursen, andere mit Formularen, mit Fragen rund um Sozialversicherungen, Wohnen oder Arbeit, erklärt Daniela Küng, die zusammen mit Barbara Müller die Geschäftsleitung innehat. Auch sie beide sitzen an diesem Nachmittag an den Tischen und bieten ihre Unterstützung an. Andere helfen ehrenamtlich. Rund 25 Freiwillige kämen pro Woche in den offenen Treff, der von täglich bis zu 70 Personen besucht werde, sagt Küng. «Insgesamt engagierten sich rund 100 Freiwillige im Hello Welcome, immer mehr auch Menschen mit Fluchterfahrung», sagt Küng. 

«Ich fühle mich sicher»

Einer von ihnen ist Hassan Ajaj (55) aus dem Irak. Er gehört als Jeside einer ethnischen Minderheit und Religionsgemeinschaft an, die von der Terrormiliz «Islamischer Staat» verfolgt wurde. «Ich habe innerhalb von einer Stunde alles verloren: meine Familie, mein Haus, meine Stelle als Physiklehrer und stellvertretender Schulleiter», erzählt er. 2017 kam er über Italien in die Schweiz. «Ich wollte eigentlich zu Verwandten nach Deutschland, aber an der Grenze wurde ich in die Schweiz zurückgeschickt, zum Glück», sagt er und lacht. «Es gefällt mir sehr gut hier, ich fühle mich sicher und erhalte viel Hilfe.»

Dass er heute eine Ausbildung als Klassenassistent absolvieren kann, verdankt er auch dem Hello Welcome, das ihm eine Praktikumsstelle vermittelt hat. «In der ersten Zeit in der Schweiz fühlte ich mich sehr einsam. Doch hier wurde ich ruhig. Menschen hörten mir zu und halfen mir mit den Deutsch-Hausaufgaben. Dadurch fühlte ich mich nicht mehr allein.» 

Mit einer Stelle als Klassenassistent an der Volksschule hat es bislang nicht geklappt. Sein Alter und die Sprache seien das Problem. Doch er lässt sich nicht entmutigen: «Jetzt komme ich als Freiwilliger hierher und helfe anderen mit Mathe», sagt er und strahlt. 

Der offene Treff, in dem auch Ajaj an diesem Nachmittag mithilft, sei bis heute das Kernangebot des Hello Welcome, sagt Daniela Küng und fasst dessen Geschichte zusammen: 2014 hätten Marga Varela, Luisa Grünenfelder und Regula Metzger-Breitenfellner die Idee für einen Treffpunkt für Flüchtlinge gehabt. Ein Ort, an dem sich diese austauschen und andere Menschen kennenlernen könnten. Damals flohen viele Menschen aus dem syrischen Bürgerkrieg in die Schweiz. Nach der Vereinsgründung 2015 öffnete der «Offene Treff» von Hello Welcome im Januar 2016 am Kauffmannweg. Die Katholische Kirche Stadt Luzern stellte das Lokal zur Verfügung. Sechs Jahre später zog der Treff an die Bundesstrasse. 
 

Luwam Solomon (links) und Hassan Ajaj haben im Hello Welcome viel Unterstützung erfahren. | Bild: Sylvia Stam

Vielfältige Angebote

Aus den Fragen und Bedürfnissen, mit denen die Migrant:innen in den offenen Treff kamen, seien rasch neue Angebote entstanden. «Deutsch zu lernen war von Anfang ein grosses Bedürfnis. Wir merkten bald, dass es hier ein strukturierteres Angebot brauchte. Heute gibt es dazu dreimal vormittags das ‹Lernatelier›, das von einem eigenen Verein getragen wird.» 

Neben Deutsch kann man auch regelmässig Englisch lernen, es gibt einen Näh- und einen Frauentreff, ein Yoga-Angebot, gemeinsame Ausflüge, Länderabende u. v. m. Dank Kooperationen mit der Pädagogischen Hochschule Luzern, der Stadtbibliothek und dem Kleintheater sind kulturelle Angebote entstanden, in Zusammenarbeit mit dem Verein Accompagno bekommt man im Hello Welcome kostenlose Beratungen in Komplementärmedizin. Daniela Küng staunt immer wieder, wie unkompliziert Dinge sich entwickeln können. Sie kennt aber auch die schwierigen Situationen, in denen sie nicht helfen konnten, etwa wenn Menschen gehen müssen, weil ihr Asylgesuch abgelehnt wurde. 

Lachen als Strategie

Fast wäre es auch bei Luwam Solomon (29) so weit gekommen. 2016 stellte die Eritreerin ein Asylgesuch, zweimal wurde dieses abgelehnt, sodass sie von der Nothilfe lebte. «Das Hello Welcome hat mir über die Beratungsstelle für Sans-Papiers eine Anwältin vermittelt», erzählt sie. Dank eines Härtefallgesuchs erhielt sie schliesslich eine Aufenthaltsbewilligung. Auf diese schwierige Zeit angesprochen, sagt sie lediglich: «Ich habe viel gelernt, ich bin geduldiger geworden. Und ich kann mit Geld umgehen!», fügt sie lachend an. «Lachen ist meine Strategie, um mit schwierigen Situationen umzugehen.» Inzwischen führe sie «ein normales Leben»: In einem Jahr schliesst sie ihre Ausbildung als Fachangestellte Gesundheit ab. Nebenbei erwähnt sie, dass sie auch bei Bewerbungen Unterstützung im Hello Welcome erhalten habe.

Neuankömmlingen rät sie, so rasch wie möglich Deutsch zu lernen. «Ohne Sprache bleiben viele Türen zu.» Hassan Ajaj pflichtet ihr bei und ergänzt: «Und im Herzen nicht vergessen, was die Schweiz alles für uns getan hat.»
 

Öffentlich und kostenlos

Hello Welcome ist ein Treffpunkt für Menschen, die in der Schweiz ankommen. Es bietet handfeste und niederschwellige Unterstützung durch Deutsch-Nachhilfe, Beratungen und Veranstaltungen. Die Angebote sind öffentlich und kostenlos. Der Verein wird durch Leistungsaufträge der Stadt und der Katholischen Kirche Stadt Luzern sowie Spenden finanziert. Da das Lokal an der Bundesstrasse 13 abgerissen wird, werden aktuell neue Räume gesucht. 

Zum 10-Jahr-Jubiläum erzählt eine Plakatausstellung «Geschichten vom Ankommen». Zu sehen sind die Gesichter von zehn Menschen mit Fluchterfahrung, darunter Luwam Solomon und Hassan Ajaj. Ein QR-Code führt zu ihren Geschichten.

Vernissage: Do, 5.2., 19.00, Peterskapelle Luzern | hellowelcome.ch/10jahre