«Wir müssen mit ihm leben»

Ein Kapuziner missbrauchte jahrzehntelang Minderjährige. 24 Opfer sind bekannt.  Wie geht eine Ordensgemeinschaft mit einem Täter in den eigenen Reihen um? Für Josef Haselbach, Provinzial der Schweizer Kapuziner, bleibt er ein Mitbruder.

 

Von Sylvia Stam |  28.08.2023

«Ich wurde ansprechbar für Menschen, die Missbrauch erlebt haben», sagt Josef Haselbach. Der frührere Vorsteher des Kapuzinerklosters Wil ist heute Provinzial der Schweizer Kapuziner. Diese hat ihren Sitz in Luzern. Bild: Emmanuel Ammon

J.A. kam 2009 ins Kapuzinerkloster Wil, dem Sie damals als Guardian vorstanden. Wie kam es dazu?

Josef Haselbach: Für die Westschweizer Klöster und deren Umgebung wurde der Aufenthalt von J.A. unerträglich. In einem Kloster mit Mittelschule konnte man ihn nicht aufnehmen. Weil er von seinem Alter her bereits erste Pflege brauchte und das Kloster Wil darauf eingerichtet ist, kam die Frage an mich. Ich habe gesagt: «Ja, das ist ein Mitbruder. Wir müssen mit ihm leben.»

Was wussten Sie über seine Taten?

Ich kannte die ganze Geschichte und war mir der Schwere seiner Taten voll bewusst. Dennoch sagte ich als Guardian: «Ich sehe das und wir müssen damit umgehen.»

Sie sagen das mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Warum war es für Sie so klar, dass Sie ihn aufnehmen?

Ich habe früher mit drogenabhängigen Menschen gearbeitet. Ein Suchtbetroffener bleibt ein Familienmitglied, auch wenn er kriminell wird. Die Eltern eines Betroffenen sagten: «Unser Sohn kann nicht mehr nach Hause kommen. Das halten wir nicht aus. Aber wir finanzieren ihm ein Zimmer, damit er ein Daheim hat. Das ist unser Beitrag, wir lassen ihn nicht fallen.» Da lernte ich: Ein Familienmitglied schliesst man nicht aus, auch wenn es noch so sehr auf die schiefe Bahn gerät.

2017 wurde J.A. in Rom aus dem Priesterstand und aus dem Orden entlassen. Dennoch lebt er bis heute im Kloster Wil.

Für uns war schon vor 2017 klar, dass er keine priesterlichen Dienste mehr wahrnehmen durfte. Was den Ausschluss aus der Ordensgemeinschaft angeht, habe ich mich bis in den Vatikan gewehrt. Er war im Orden, er hat im Orden schreckliche Taten begangen, darum finde ich, dass der Orden auch jetzt zu ihm schauen muss.

Was wäre passiert, wenn Sie ihn nicht aufgenommen hätten?

Er war bereits im AHV-Alter und wäre sicherlich zum Sozialfall geworden. Als kirchenkritischer Staatsbürger hätte ich grosse Mühe, wenn ein Orden einen pflegebedürftigen Täter ausschliesst und der Staat für ihn aufkommen müsste. Bei uns in der Gemeinschaft war zudem eine gewisse Kontrolle da.

Dennoch haben Sie der Gemeinschaft damit einiges zugemutet.

Es gibt eine Bibelstelle, in der Jesus dem verlorenen Schaf nachgeht und den anderen 99 etwas zumutet. Ich weiss, wenn ich ihn aufnehme, ist das eine Herausforderung für die Mitbrüder. Dieser Täter-Teil ist immer auch im Kloster. Das ist nicht so leicht zu ertragen.

Wie konnten Sie das ertragen?

Mir hat ein Wort unseres Ordensgründers Franziskus geholfen: «Den Sünder lieben und die Sünden hassen.» Aus spiritueller und menschlicher Sicht hat er trotzdem die Würde des Menschseins, und die muss man ihm zugestehen. Die Mitgeschwisterlichkeit ist für mich auch in dieser Dimension gültig.

Das sind schöne Worte, aber wie ist es in der direkten Begegnung?

Die Spannung spüre ich immer noch in der direkten Begegnung. Wenn ich ihm in der Messe die Hand zum Friedensgruss gebe, ist gleichzeitig emotional ein Vorbehalt da, der immer mitschwingt. Dieses Gefühl der Distanz ist über all die Jahre gleich intensiv geblieben.

Wie haben Ihre Mitbrüder darauf reagiert?

Wir haben offen darüber gesprochen. Seine Geschichte war damals öffentlich bekannt. Ich habe keine Abwehr wahrgenommen, eher Verständnis dafür, dass er ja irgendwo Platz haben muss.
Aber ich habe auch versucht, den Sorgen der 99 «nicht schwarzen Schafe» gerecht zu werden.

Gab es Kritik, dass Sie den Täter in Ihren Reihen aufgenommen haben?

Wir haben proaktiv in den regionalen Medien informiert. Nebst Respekt und Anerkennung gab es auch Kritik von einigen Personen, dass wir gnädig mit einem Täter umgehen. Mit ihnen habe ich das Gespräch gesucht, und wir sind friedlich auseinandergegangen.

Wie gestaltete sich das Zusammenleben?

Als Guardian war ich plötzlich in einer anderen Rolle. 2009, als J.A. zu uns kam, lief das Verfahren in Frankreich noch.  Ich liess darum seinen Computer so sperren, dass er keinen Zugang zu einschlägigen Websiten herstellen konnte. Wir setzten ihm klare Zeiten, eine bis zwei Stunden, an denen er das Klostergelände verlassen durfte. Dies auch dann noch, als das Verfahren in der Schweiz abgeschlossen war. Manchmal ging ich ihm nach, um zu prüfen, ob er wirklich in das Geschäft ging, wie er mir gesagt hatte. Diese Unsicherheit: «Kann ich auf das vertrauen, was er sagt?», empfand ich als mühsam. Ich habe erfahren, dass Täter einem ins Gesicht lügen können.

Die Messen im Kapuzinerkloster sind öffentlich. Gab es Reaktionen seitens der Kirchgänger:innen?

Ja, einmal sagte mir ein Mann, der geschieden und wiederverheiratet war: «Mir verbietet die Kirche die Kommunion, aber der Täter darf kommunizieren.» Ich sagte ihm, dass auch ich es für falsch halte, dass er nicht kommunizieren dürfe. Es gibt für alle Vergehen in der Kirche die Lossprechung und Wiedereingliederung, nur bei der Scheidung nicht. Das finde ich nicht richtig. Diese Diskrepanz empfinde ich bis heute.

Was nehmen Sie selber aus diesen Erfahrungen mit?

Ich wurde ansprechbar für Menschen, die Missbrauch erlebt haben, auch ausserhalb des kirchlichen Umfelds. Mit ihnen habe ich sehr gute Gespräche geführt. Dabei wurden mir auch Unterschiede bewusst. Bei kirchlichen Missbrauchsfällen gibt es eine grosse Resonanz in den Medien, es gibt Anlaufstellen und unter Umständen eine Genugtuung. Im Vergleich dazu fühlen sich Opfer aus dem familiären Kreis manchmal alleine gelassen. Sie haben einzig die Opferhilfe. Bei ihnen habe ich eine grosse Dankbarkeit gespürt, dass sie mit jemandem sprechen konnten, der sich in diesem Thema auskennt. Insgesamt beschäftigt es mich aber, dass Medien und Gesellschaft bei Missbrauchsfällen im kirchlichen Umfeld viel sensibler reagieren als bei Übergriffen im Sport, in der Familie oder in der Unterhaltungsbranche. 


Wie betrachtet ein Psychologe, der mit Straftäter:innen arbeitet, dieses Thema?
Lesen Sie dazu das Interview.

Über Jahrzehnte Minderjährige missbraucht

Der Kapuziner J.A. (*1940) hat seit den 1960-er Jahren über Jahrzehnte Minderjährige zum Teil massiv sexuell missbraucht. Er wurde mehrfach versetzt, unter anderem nach Frankreich. Er stand dreimal vor Gericht. Zweimal waren die Fälle bereits verjährt, 2012 wurde er in Frankreich schuldig gesprochen und zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Daniel Pittet, einer der Betroffenen, publizierte 2017 ein Buch zu seiner Geschichte. Im gleichen Jahr wurde J.A. vom Vatikan aus dem Priesterstand und aus dem Orden ausgeschlossen. Die Schweizer Kapuziner liessen den Fall daraufhin von einer unabhängigen Kommission untersuchen. Der Untersuchungsbericht identifizierte 24 Opfer und verurteilt die «Leichtigkeit im Umgang mit den Missbräuchen, auf die die Hierarchie in den Jahren 1970 bis 1980 aufmerksam gemacht wurde». Er weist Versäumnisse sowohl des Ordens wie des Bistums Lausanne-Genf-Freiburg nach. J.A. lebt seit 2009 im Kapuzinerkloster Wil. Er war jahrelang in psychiatrischer Behandlung.

Details Untersuchungsbericht

Blick für Betroffene haben

«Täter:innenbehandlung ist immer auch Opferschutz, damit keine neuen Taten entstehen», sagt Samuel Buser, der im Kanton Bern als Gefängnisseelsorger und forensischer Psychologe mit Straftäter:innen arbeitet. «Wenn man Täter:innen therapeutisch mit grossem Aufwand behandelt, stellt sich aber tatsächlich die Frage: Was bekommen die Opfer, deren Leben komplett anders verlaufen wäre, wenn das nicht passiert wäre? Es ist ganz wichtig, das auch im Blick zu haben. Ich würde jedoch die Behandlung von Täter:innen nicht gegen die Behandlung von Opfern ausspielen. Es braucht beides, und beide Situationen müssen sehr sorgfältig angeschaut werden.»

Ganzes Interview mit Samuel Buser