Wohnen in der Kirche

Wie könnte aus einer Kirche Wohnraum entstehen? Diese Frage haben sich Studierende der Hochschule Luzern gestellt. Für vier Luzerner Kirchen haben sie Modelle entwickelt. 

Von Sylvia Stam |  19.05.2026

Betel Kofler hatte anfänglich Hemmungen, eine Kirche in Wohnraum zu verwandeln. |Bild: Tesfaye Tadesse

Das Kleid ist zu gross. Dieser Satz stand am Anfang  des Projekts «Wohnen in der Kirche»: In Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche der Stadt Luzern haben Architektur-Studierende der Hochschule Luzern Modelle entwickelt, wie aus Kirchen Wohnraum entstehen könnte.

Anfänglich Hemmungen

Ausgangslage war die Entwicklung, dass Kirchen immer leerer werden, ihr Kleid also allmählich zu gross ist, während gleichzeitig Wohnraum knapp ist. Entstanden sind Modelle für die Luzerner Kirchen St. Paul, St. Maria zu Franziskanern, St. Michael und St. Anton. Die Modelle konnten in der letzten Märzwoche in der Kirche St. Anton betrachtet werden.

Betel Kofler (24) hat sich mit der Kirche St. Paul befasst, die 1912 im Jugendstil erbaut wurde. Anfänglich habe sie Hemmungen gehabt, einen sakralen Raum einer neuen Nutzung zuzuführen, zumal sie selbst gläubig sei, sagte Kofler auf dem Podium, das anlässlich der Vernissage stattfand. Da kam es ihr entgegen, dass das Projekt auch die Option zuliess, dass in der Kirche weiterhin Gottesdienste stattfinden könnten. In ihrem Modell hat sie daher nur die beiden Seitenschiffe zu Wohnraum umgewandelt, das Mittelschiff wird im hinteren Teil zum Gemeinschaftsraum, während im vorderen weiterhin Gottesdienste gefeiert werden können.

Diese Einteilung stellte die Studentin allerdings vor neue Probleme: «Weil die Seitenschiffe nun vom Mittelschiff abgetrennt waren, fiel kein Tageslicht mehr in das Mittelschiff.» Dies zwang sie zu grösseren architektonischen Eingriffen, als ihr lieb war: Das Dachgewölbe musste aufgebrochen werden (Bild unten). Dieser Eingriff  ermöglichte jedoch auch Dachterrassen für die Wohnräume. Die typischen Kirchenfenster hat sie belassen: «Sie sind identitätsstiftend», sagt Kofler.

Die typischen Fenster der Kirche St. Paul sollen auch nach der Umwandlung in Wohnraum sichtbar bleiben. |Bild: Betel Kofler

Wichtige architektonische Fragen

Die 24-jährige Studentin stammt aus einer Familie mit Fluchterfahrung. Entsprechend wollte sie Wohnraum «für Schutz suchende Personen» schaffen. Für Menschen, die in Asylheimen gelebt hätten, seien elementare Dinge wie eine zentrale Lage, eine abschliessbare Wohnungstür sowie eigene Nasszellen wichtig. Dinge, die sie in ihrem Modell berücksichtigt hat. Doch nebst genügend Privatsphäre sei für sie auch die Gemeinschaft zentral. Darum ist in einem Teil des Mittelschiffs ein Gemeinschaftsraum vorgesehen. Dieser könnte, so Koflers Vorstellung, von Organisationen wie Caritas genutzt werden, welche die Integration fördern. Gleichzeitig sollen nach aussen hin Gärten entstehen, wodurch das Zusammenleben mit den Nachbar:innen gefördert werden soll. 

Für die Studierenden des Bachelor-Lehrgangs Architektur ermöglichte das Projekt, sich grundlegende Fragen zu stellen: Wie lassen sich die vorhandenen Konstruktionen nutzen, um Wohnraum zu schaffen? Wie ist der Lichteinfall? Welche Raumvorstellungen stehen hinter unseren Ideen des Zusammenlebens? Die katholische Kirche der Stadt Luzern bezeichnet das Projekt zwar ausdrücklich als «Gedankenspiel», die Pläne werden nicht weiterverfolgt. Dennoch wurde auf dem Podium zur Vernissage deutlich, dass die Kirche sich solchen Fragen stellen muss. Denn viele Kirchenräume der Stadt Luzern stehen vor allem unter der Woche weitgehend leer. 
Deborah Arnold, Leiterin Stadtplanung der Stadt Luzern, warf ein, dass allerdings genau dieser Freiraum wichtig und erhaltenswert sei. Der öffentliche Raum müsse bei einer Umgestaltung auch einer öffentlichen Nutzung zugeführt werden. Die Umwandlung in privaten Wohnraum sei letztlich eine Privatisierung.

Erinnerungen und Emotionen

David Reimann, Co-Leiter des Pastoralraums Stadt Luzern, erinnerte daran, bei jeder Umnutzung einer Kirche die Menschen mitzunehmen, die mit ihr verbunden seien. Denn Kirchenraum habe immer mit Erinnerungen und Emotionen zu tun. Die Kunst besteht laut Antonius Liedhegener, Professor für Religionswissenschaft an der Uni Zürich, darin, Neues zu schaffen und das Alte mitzunehmen.